„Respektvoller Umgang auf Augenhöhe“

Montagsinterview Katja Töbelmann : „Respektvoller Umgang auf Augenhöhe“

Die Jugendreferentin spricht darüber, wie man Generationen an einen Tisch bekommt und ob die Jugend so schlecht ist wie ihr Ruf.

Frau Töbelmann, ist denn die Jugend von heute so schlecht wie ihr Ruf?

Katja Töbelmann Kurz gesagt: Nein. Vor allem aber sind Jugendliche so unterschiedlich und vielfältig wie es die Menschen eben insgesamt sind. Jugendliche sind so heterogen, wie es die Gesellschaft ist. Es gibt auch kein Patentrezept, wie man Jugendliche richtig abholt. Es muss ein gutes Zusammenspiel zwischen Jugendlichen, Eltern, Bildung – sowohl schulisch als auch informell – und dem Freundeskreis und den öffentlichen und freien Trägern der Jugendarbeit geben. Es zeigt sich übrigens auch in den Statistiken der Jugendkriminalität. Dort ist kein Anstieg zu bemerken, im Gegenteil. Was sich wohl verändert hat, ist, dass einerseits die Formen der körperlichen Auseinandersetzungen teilweise gravierender geworden sind, sich aber andererseits auch das Anzeigeverhalten verändert hat. Die Gesellschaft an sich reagiert sensibler auf verbale und körperliche Auseinandersetzungen. Die Jugend an sich ist cool wie immer – zumindest aus Sicht der Jugendförderung.

Ist nicht jede Generation Jugend von solchen Vorurteilen betroffen?

Töbelmann Klar, die Älteren blickten immer schon mit gewissen Vorurteilen behaftet auf die Jugend. Es gab doch immer schon Diskussionen zwischen den Generationen.

Wodurch lassen sich diese Vorurteile am besten entkräften?

Töbelmann Indem man miteinander auf Augenhöhe redet. Ein schönes Beispiel dafür ist unser Jugendtreff unterhalb des Bistros in der Katt. Dort sitzen die Jugendlichen manchmal noch draußen, wenn der Jugendtreff schon geschlossen ist. Und dann wird das eben schon mal etwas lauter, etwa wenn gelacht wird oder Musik gespielt wird. Die Anwohner haben sich darüber bei der Stadt beschwert. Wir haben daraufhin beschlossen, uns alle gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Auch das Ordnungsamt haben wir dazugebeten. Es war ein tolles Gespräch an einem schönen Sommerabend. Der Mitarbeiter des Ordnungsamts hat dann den Geräuschpegel der Unterhaltungen gemessen – und das war schon zu laut für nach 22 Uhr. Die Anwohner waren davon sehr überrascht. Es wurde ihnen klar, dass die Jugendlichen gar keinen übermäßigen Lärm veranstalten wollten, sondern es eben einfach normale Geräuschentwicklung war. Wichtig ist dabei, dass zwischen den Generationen die Kommunikation stattfinden muss.

Mit welchen Angeboten kann man Jugendliche nachhaltig abholen?

Töbelmann Zum einen sind das die Präventivangebote der Stadt Wermelskirchen. Die fangen teils schon im Kindergartenalter an und gehen bis zu den weiterführenden Schulen. Man muss auch in Richtung Elternarbeit denken, denn ohne die Eltern geht nichts. Dann gibt es Beratungsangebote – die Schulsozialarbeit, die Jugendberufshilfe, die Jugendgerichtshilfe. Letztere arbeitet übrigens auch präventiv – und nicht erst, wenn schon etwas passiert ist. Ein weiteres Angebot ist die Beratungsstelle an der Jahnstraße und natürlich auch die Angebote der freien Träger – die Suchtberatungsstelle der Diakonie etwa.

Wie wichtig ist ein Streetworker für Wermelskirchen?

Töbelmann Das ist sehr wichtig – und ich bin sehr froh, dass wir in Wermelskirchen jetzt eine Stelle zur Aufsuchenden Jugendarbeit eingerichtet haben. Da kann meiner Meinung nach noch sehr viel passieren, denn da steckt eine andere Struktur dahinter als bei den genannten Beratungsangeboten. Da müssen die Jugendlichen nämlich zu uns kommen – beim niederschwelligen Angebot der Aufsuchenden Jugendarbeit kommen wir zu den Jugendlichen hin.

Wie ist da der Stand der Dinge?

Töbelmann Wir befinden uns hier gerade in den Bewerbungsgesprächen. Ich hoffe, dass die Stelle zum Frühjahr hin besetzt sein wird.

Was ist der Unterschied zwischen Streetworker und Aufsuchender Jugendarbeit?

Töbelmann Der Hauptarbeitsplatz wird hier in der Kattwinkelschen Fabrik sein, aber der Mitarbeiter wird natürlich auch draußen unterwegs sein. Streetwork ist ein großer Teil der Arbeit – aufsuchend, gemeinsam mit der Gruppe Alternativen zu erarbeiten. Das Gespräch mit den Jugendlichen vor Ort zu suchen, das ist ein großer und wichtiger Punkt. Herauszufinden, was sie überhaupt wollen – das soll auch präventiv stattfinden. Ich glaube, dass diese Stelle ein großer Gewinn für Wermelskirchen sein wird. Klar ist aber natürlich auch, dass die Kids irgendwo herumhängen wollen. Aber wenn man das ein Stück weit begleitet – und das werden wir ab dem Frühjahr können – kann man verhindern, dass das Ganze irgendwie aus dem Ruder läuft.

Jugendlicher Übermut ist das eine – Sachbeschädigung das andere. Wie verläuft hier die Grenze?

Töbelmann Übermut kann natürlich in kriminellen Handlungen enden oder solche mit sich ziehen. Aber dafür gibt es dann das Jugendstrafrecht. Man kann so etwas nicht verhindern, weder als Eltern noch als Institution. Typische jugendtümliche Taten, die die Justiz auch als solche bewertet, sind etwa leichte Körperverletzungen auf dem Schulhof, Sachbeschädigungen oder Ladendiebstähle. Wir als Jugendhilfe im Strafverfahren werden dann aber auch sofort mit ins Boot geholt. Die Justiz sagt: „Wir holen uns Rat von den Pädagogen der Jugendhilfe“. Dann wird gemeinsam daran gearbeitet, zu verhindern, dass der Jugendliche wieder straffällig wird.

Welche Rolle spielt dabei das Thema Langeweile?

Töbelmann Ich glaube gar nicht, dass die Langeweile da so groß ist. Es ist typisch jugendtümliches Verhalten, zusammen in der Gruppe sitzen, dann entstehen Dynamiken, und es wird Unsinn angestellt. Ich glaube auch, dass die Jugendlichen gar nicht immer wissen, dass das gerade kriminelles Verhalten ist. Pauschale Ursachen kann man meiner Meinung nach nicht angeben.

Wie hat sich Jugendförderung in den vergangenen Jahren verändert?

Töbelmann Während meines Studiums und schon in der Oberstufe habe ich als Honorarkraft in der Jugendarbeit gearbeitet. Inhaltlich hat sich da gar nicht wirklich viel verändert. Damals gab es zwar noch keine Smartphones. Aber wir haben auch ganze Abende und Nächte mit Konsolen verbracht – wie Wlan-Partys heute. Jugendförderung und die Pädagogen müssen mit der Zeit gehen, keine Frage. Aber man muss die Arbeit an sich nicht neu erfinden.

Was ist die größte Herausforderung der Arbeit mit der Jugend?

Töbelmann Den Draht zu den Jugendlichen zu finden und miteinander reden zu können. Und alle Beteiligten müssen dazu bereit sein. Respektvoller und offener Umgang auf Augenhöhe von allen Seiten aus ist das A und O.

Und wenn das klappt …

Töbelmann … dann funktioniert auch der Rest.