Nadja Steffens war Teil des Kollegiums der Hauptschule in Wermelskirchen

Interview Nadja Steffens : „Wir hatten fantastische Lernbedingungen“

Seit Ende Juni gibt es in der Stadt keine Hauptschule mehr. Nadja Steffens war Teil des Kollegiums.

Frau Steffens, künftig werden Sie nur noch an der katholischen Grundschule St. Michael unterrichten, was Sie bereits im letzten Schuljahr parallel zu Ihrer Tätigkeit an der Gemeinschaftshauptschule taten. Wie schwer fiel Ihnen der endgültige Abschied von der Wirtsmühler Straße, wo Sie seit 2003 mit kurzer Unterbrechung Hunderten von Hauptschülern Deutsch, Mathe und Englisch beibrachten und auch das Fach Religion unterrichteten?

Mir fiel der Abschied nicht so schwer, weil ich mit dem vollständigen Wechsel an die Grundschule eine Perspektive hatte. Trotzdem werde ich die Hauptschule vermissen: Ich habe dort sehr gerne unterrichtet.

Zuletzt gab es noch ein Dutzend Lehrkräfte an der Hauptschule. Die Hälfte davon darf in den gewohnten Klassenräumen, die zu Räumlichkeiten der Sekundarschule werden, weiter unterrichten. Warum sind Sie nicht unter diesen Lehrkräften?

Das wäre möglich gewesen. Ich habe mich aber anders entschieden.

Wer Hauptschüler unterrichtet, muss Jugendliche mit einem soliden Alltagswissen auf ein nahes Berufsleben vorbereiten. An der Grundschule geht es darum, Erst- bis Viertklässler für die weiterführende Schule zu rüsten. Worin sehen Sie die größere Herausforderung?

Ich persönlich empfinde die Tätigkeit an der Grundschule als herausfordernder: Die Schülerschaft ist heterogener. Man muss deutlich mehr differenzieren und den Schülern überhaupt erst einmal beibringen, wie man lernt. Es gibt zudem einige Kinder, die nur wenig Deutsch können. Das verlangt nicht nur den Deutschlehrern viel ab, sondern ist in jedem Fach ein Problem.

Wie steuert die Politik dagegen?

Wo es viele Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse gibt, wird Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Diesen sogenannten DaZ-Unterricht, den spezielle Lehrkräfte erteilen, kannte ich schon von der Hauptschule. Auch an der Grundschule gibt es immer wieder Kinder von Flüchtlingen oder Migranten, die diesen Unterricht benötigen. Sie lernen in dem Alter jedoch unglaublich schnell. Das ist wirklich erstaunlich!

Wer besonders lernfähig war, ging früher nach der 4. Klasse auf das Gymnasium. Wer sich etwas schwerer tat, kam auf die Realschule. Schüler, die in der Grundschule langsamer lernten oder Lernschwierigkeiten hatten, wurden auf die Hauptschule geschickt oder erhielten mit der Stärkung des Elternwillens eine Empfehlung für die Realschule. Jetzt gibt es in Wermelskirchen keine Hauptschule mehr, wie es im Rheinisch-Bergischen Kreis insgesamt nur noch acht verbliebene Hauptschulen gibt. Wird hier vor Ort die Sekundarschule ihre Funktion übernehmen?

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sich die Situation auf der Sekundarschule durch den Wegfall der Hauptschule verändern wird. Es wäre aber keine gute Entwicklung, wenn jetzt noch mehr Eltern ihre Kinder auf das Gymnasium schickten, obwohl die Sekundarschule eigentlich die geeignetere Schulform wäre. Denn der spätere Wechsel zu einer vermeintlich leichteren Schulform, etwa am Ende der gymnasialen Erprobungsstufe, bedeutet nicht automatisch bessere Noten: Ich habe oft erlebt, dass bei zu langer Überforderung die Lernsitutation so vertrackt war, dass auch der Schulwechsel keinen unmittelbaren Ausweg darstellte.

Sie meinen, dass das Niveau auf der Sekundar- oder ehemaligen Hauptschule unterschätzt wird?

Genau. Natürlich gibt es Hauptschulen mit einem sehr niedrigen Niveau. Speziell in Wermelskirchen hattten wir aber zuletzt phantastische Lernbedingungen: Durch die Zurückhaltung bei den Anmeldungen angesichts der drohenden Schließung waren die Klassen des Jahrgangs sehr klein geworden. Wenn man teilweise zu zweit in Klassen mit nur noch 15 Schülern unterrichten darf, lassen sich ganz andere Lernfortschritte erzielen als in Klassen mit 30 Schülern.

Bedeutete das auch, dass es zuletzt besonders viele Schüler gab, die sogar noch die Qualifikation für das Gymnasium erzielen konnten?

Solche Schüler hat es immer gegeben. Jedoch habe ich nicht verfolgt, wie es dann am Gymnasium weiterging. Auf jeden Fall hatte die Hauptschule in Wermelskirchen auch früher schon mit Recht einen guten Ruf und auch ein gutes Bildungsniveau. Natürlich hatte das auch viel mit dem sozialen Umfeld in dieser Stadt zu tun. Chaoten, die den Unterricht sabotierten, gab es bloß vereinzelt. Und wenn es Probleme dieser Art gab, half oft der persönliche Draht zu den Elternhäusern. Diese Verbindung lässt sich auf einer Schule mit kleineren Klassen, die es zumindest zum Ende hin gab, viel besser pflegen als da, wo es wegen der schieren Größe nur um die Wissensvermittlung und nicht um individuelle Schwierigkeiten gehen kann. Im übrigen gibt es Störenfriede in sämtlichen Schulformen, und Kinder mit Lernschwierigkeiten finden Sie ebenso überall.

Sind das eigentlich die Kinder, an die man sich als Lehrkraft besonders zurückerinnert?

Diejenigen Schüler, die mir von meiner Zeit auf der Hauptschule vorrangig im Gedächtnis zurückbleiben werden, sind jene Jungen und Mädchen, die alle zum Lachen brachten. Heutzutage passiert das weniger durch Streiche, sondern eher durch Sprüche oder Schlagfertigkeit. Die Zeit der Streiche scheint vorbei zu sein. An der Hauptschule kam es in der 5. und 6. Klasse noch vor, dass sich Kinder zum Spaß im Schrank versteckten. Viel mehr passierte da aber nicht. Dann setzt auch schon die Pubertät ein, und in den Klassen 9 und 10 wirken die meisten Jugendlichen heutzutage schon sehr erwachsen. Manchmal ist es schade, dass unsere Jugend so früh so reif werden muss.

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