Mein Wermelskirchen: Mitten im Krammarkt

Mein Wermelskirchen : Ein Teil der Krammarktfamilie geworden

Fünf Tage im Jahr herrscht bei Petra und Herbert Störte Ausnahmezustand. Dann leben sie als Anwohner der Schillerstraße mitten auf dem Krammarkt.

Um das Hoftor von Familie Störte zu erreichen, ist am Sonntagmorgen Geduld gefragt. Menschenmassen sind auf dem Krammarkt in der Schillerstraße unterwegs. Es ist ein gemütliches Schlendern, wer schnell vorankommen will, hat keine Chance. Zwischen dem Lederwarenhändler und einem Stand mit duftenden Seifen ist endlich das Tor in Sicht. Und wer die Klinke runterdrückt und die Schritte zur Haustür geht, entkommt auch schnell dem Trubel. Petra und Herbert Störte sitzen auf ihrer Terrasse. Als am Haus der Begegnung der Posaunenchor sein Platzkonzert beginnt, lächelt Petra Störte. „Das ist Tradition am Sonntagvormittag“, sagt sie dann. Und Familie Störte kennt es gar nicht anders – seit 40 Jahren. Damals zogen sie in das alte Schieferhaus an der Schillerstraße, und einmal im Jahr reisten die fliegenden Händler an. Mit dem Neubau und dem Umzug rückten sie einige Meter von der Straße ab. Die besondere Atmosphäre an der Krammarktmeile ist geblieben.

„Wir freuen uns jedes Jahr auf die Kirmes“, sagt Herbert Störte, „aber wir freuen uns genauso, wenn die Normalität zurückkehrt.“ Und während in der Ferne das leise Gemurmel der Menschen zu hören ist, erinnern sich Petra und Herbert Störte an die Jahre, als sie ein Teil der großen Krammarktfamilie wurden. „Für uns begann die schönste Zeit mit dem Waffelstand der Kindernothilfe“, sagt Petra Störte. Pfarrer Finkenrath hatte die Lücke auf dem Krammarkt entdeckt und bei Johanne Siebel im Haus nachgefragt, ob nicht die Kindernothilfe mit ein paar Waffeleisen und einem Sonnenschirm den Platz füllen könnte. Die Hauseigentümerin hatte sofort ihre Zustimmung gegebene und so rückten in den 1980er Jahren zum ersten Mal die Waffelbäcker an. „Damals veränderte sich für uns das Kirmesgefühl“, sagen die Störtes und erinnern sich gerne an die bewegten Zeiten. Als der erste Regen fiel, holte die Familie Sonnenschirme aus dem Schuppen. Bei „Tante Hanne“ in der Stube wurde abends das Geld gezählt. Sohn Christian setzte sich zuweilen an die Kasse und den Strom für das Projekt spendierte die Familie. „Ich weiß noch, als Trockner und Spülmaschine mal gleichzeitig liefen und die Waffeleisen plötzlich keinen Strom mehr hatten“, erzählt Petra Störte lachend. Fortan organisierte sie den Haushalt während der Kirmestage um – der Krammarkt-Familie zuliebe. Dazu gehörte der Bonsai-Mann genauso wie der Bonbon-Mann, später gesellte sich der Steine-Mann dazu. Jeder Aussteller bekam in der Familie einen Namen verliehen und gehörte dazu. Sie kamen Jahr für Jahr wieder, spendierten den Kindern Sabrina und Christian mal eine Bonbontüre, mal eine Waffel. Und Familie Störte half, wo sie konnte.

Bis tief in die Nacht dauerte der Trubel auf der Schillerstraße damals noch. Die Stände wurden eingepackt, die Bonsaibäume lagerten auf der Terrasse. Und morgens begann früh der Aufbau. „In einem Jahr legten Unbekannte an der Schillerstraße Feuer“, erinnert sich Herbert Störte, „damals brannte ein Stand komplett ab.“ In der Straße ging die Sorge um und wurde erst mit der Beauftragung eines Hundevereins entschärft, der fortan in der Nacht mit den Tieren Kontrollrunden drehte. Ohnehin sei es manchmal brenzlig geworden, sagt das Paar. Als die Straße noch nicht ausgebaut gewesen sei, hätten sich die Menschen manchmal so gedrängelt, dass eine Panik gedroht  habe. „Dann saßen bei uns Menschen auf dem Sofa, für die wir den Notarzt rufen mussten“, erzählt Petra Störte. Oder das Jahr, in dem Herbert Störte am Hang gegenüber wenige Tage vor der Kirmes unzählige Erdwespen entdeckte und bei der Stadt anrief. Schließlich kam die Feuerwehr, um die Gefahr für die Besucher des Krammarkts zu bannen.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden. Der Waffelstand ist umgezogen. „Und wir sind älter geworden“, sagt Petra Störte. „Früher haben wir dafür immer Parkplätze gesucht, um flexibel zu bleiben“, sagt Herbert Störte. Häufig nahm er sich während der Kirmes aber Urlaub. Ihre regelmäßigen Runden über den Krammarkt dreht Petra Störte immer noch. Und abends sitzen sie manchmal  auf der Terrasse und lauschen den Melodien aus dem Weindorf.

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