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Lüttringhausen: Existenz-Sorgen können auch krank machen

Evangelische Stiftung Tannenhof in Lüttringhausen : Existenz-Sorgen können auch krank machen

Der ärztliche Direktor der Stiftung Tannenhof in Lüttringhausen spricht über die Langzeit-Folgen der Corona-Pandemie und hat einige Tipps parat, wie Betroffene die schwere Zeit besser überstehen können.

Seit mehr als zehn Monaten bestimmt die Corona-Pandemie unser aller Leben. Je nach Infektionsgeschehen gibt es mal mehr, mal weniger Einschränkungen. Konstant ist dagegen nur die allgemeine Unsicherheit, wie lange dieser Zustand noch anhalten wird und wie wir letzten Endes aus dieser Krise hinausgehen werden – sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich. Doch genau diese Ungewissheit, gepaart mit der Angst vor einer Ansteckung oder existenziellen Nöten, führt vermehrt dazu, dass die psychische Gesundheit leidet, sagt Professor Dr. Eugen Davids. Der Ärztliche Direktor der Evangelischen Stiftung Tannenhof rechnet sogar damit, dass die Anzahl der Fälle 2021 steigen könnte, wenn die Pandemie länger anhält und die Arbeitslosigkeit steigt.

„Grundsätzlich sehen wir drei große Gruppen, die psychisch stärker von der jetzigen Pandemiezeit betroffen sind“, sagt Davids. Das seien zum einen die Menschen, die auch schon vor der Pandemie psychisch erkrankt waren und nun durch die Isolierung weiter leiden. Obwohl das klinische Angebot über die gesamte Pandemiezeit aufrechterhalten wurde, erklärt Davids, mussten die psychosozialen Angebote pausieren. Wichtige Anlaufstellen für Menschen mit Angstzuständen oder Depressionen, ein geschützter Ort für den Austausch von Gleichgesinnten und Hilfesuchenden. „Diese Gruppe leidet unter den Einschränkungen besonders.“

Darüber hinaus gebe es eine zweite Gruppe, „jene die mit der Covid-Erkrankung zu tun haben, weil sie selbst oder Familienmitglieder betroffen sind und in Quarantäne leben müssen. Das kann ebenfalls Ängste auslösen und zu psychischen Problemen führen.“ Zur dritten Gruppe, die aufgrund der Pandemie psychisch erkranken können, gehören jene, die mit wirtschaftlichen und existenziellen Sorgen zu kämpfen haben. „Ich denke, vor allem diese Gruppe wird 2021 zunehmen. Aktuell wurde die Problematik ja durch die Hilfspakete ein wenig verschoben“, erklärt Davids.

Grundsätzlich gebe es aber Strategien, um die eigene Resilienz, also die persönliche psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit mit schwierigen Situationen umzugehen, zu steigern. Vier Tipps nennt der Fachmann, um die Situation zu meistern: „Mein erster Tipp ist, dass man versucht, seine Tagesstrukturen unbedingt aufrecht zu erhalten.“ Wer im Homeoffice steckt, sollte sich also möglichst an den üblichen Arbeitszeiten orientieren und seinen Biorhythmus bewahren. Für jene, die derzeit in der Zwangspause ausharren, gilt es, sich neue Aufgaben zu stellen und sie täglich abzuarbeiten, um eine neue Routine aufzubauen.

„Der zweite Tipp ist, sich täglich kleineren Freuden auszusetzen, etwa mit der Lieblingssendung oder dem Lieblingsgericht, einem guten Buch, einem ausgiebigen Spaziergang. Es geht darum, mehr positive Aspekte aus dem Alltag herauszuziehen.“

Als dritten Tipp schlägt Davids vor, einen Perspektiv-Wechsel zu schaffen. „Wenn wir uns anschauen, dass wir uns schon seit acht Monaten in dieser Pandemie befinden, hilft es, die Hoffnung zu haben, dass zweidrittel der Zeit schon geschafft sind und wir einfach noch ein wenig aushalten müssen, bis es geschafft ist.“ Schließlich, so erklärt Davids, helfe es auch, solch ungewisse Zeiten in Etappen zu unterteilen. Eine ähnliche Strategie habe wohl auch die Bundesregierung verfolgt, die nach dem Lockdown im Frühjahr die Urlaubszeit ermöglichte, bevor nun wieder strengere Regeln und Einschränkungen gelten.

Wer einen oder zwei Tage lang dünnhäutig oder gereizt reagiere oder sich zurückziehe, brauche noch keinen Psychologen, sagt Davids. Wenn diese klassische Symptomatik, die auf Angst- oder Depressionserkrankungen hindeuten, länger als ein bis zwei Wochen anhält, „wäre es besser, einen fachmännischen Ratschlag einzuholen“, meint der Psychiater. Häufig helfe ein offenes Gespräch, das zur eigenen Reflektion führe.