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Serie 60 Minuten Im Ehrenamt: "Lebensmittel sind kein Müll"

Serie 60 Minuten Im Ehrenamt : "Lebensmittel sind kein Müll"

Ehrenamtliche Fahrer der Tafel sammeln Nahrungsmittel, die sonst im Abfall landen würden. Wir haben sie begleitet.

Wermelskirchen Kommen drei Rentner in einen Supermarkt - was wie ein schlechter Witz anfängt, ist alles andere als lustig, sondern bemerkenswert. Bei den drei Rentnern handelt es sich nämlich um ehrenamtliche Helfer der Wermelskirchener Tafel. Dreimal in der Woche fahren sie die Supermärkte in Wermelskirchen und Umgebung ab und sammeln Essensspenden. Über diese freuen sich dann die bedürftigen Menschen, die zur Tafel kommen. "Das, was in den Läden nicht verkauft wird, ist kein Müll. Wir sammeln Lebensmittel für diejenigen, die sie sich nicht leisten können", erklärt Karl Kaufmann, der den Einsatz der Fahrer koordiniert.

Der Tag beginnt für den 70-Jährigen und zwei weitere Helfer bereits mit dem Klingeln des Weckers um 5.30 Uhr. Bei der Tafel Vorm Eickerberg steht schon der weiße Kleintransporter bereit, mit dem alle Touren gefahren werden. Mit Kaufmann unterwegs sind an diesem Tag Gundi Heidelberg (62) und Udo Meyer (60). Im Rückraum des Transporters stehen bis zu 70 rote Kisten. Noch sind sie leer.

Die erste Fahrt des Tages geht nach Lüttringhausen zu einer Großbäckerei, in der die Tafel Brot, Brötchen und Teilchen erhält. Kiste um Kiste wird gefüllt, irgendwann sind alle voll. "Und trotzdem lassen wir Sachen stehen. Es ist erschreckend, wie viel noch weggeschmissen wird" sagt Gundi Heidelberg.

Nach dem Entladen des Sprinters an der Tafel geht es weiter zu den großen Supermärkten in Wermelskirchen. Erster Halt ist am Lidl-Markt, wo Obst, Salat, Möhren und Tomaten eingepackt werden. "Es sind auch Sachen aus der Kühlung dabei, zum Beispiel Lachs. Den würde ich zu Hause auch essen", meint Kaufmann. Die gespendeten Lebensmittel sind nicht schlecht - meistens ist das Mindesthaltbarkeitsdatum lange nicht erreicht. Von diesem Datum hält Heidelberg sowieso wenig. "Viele Menschen denken, dass man die Sachen nicht mehr essen kann, wenn das Datum überschritten ist. Wir haben aber doch alle Nase, Mund und Augen - man sieht auch so, wenn etwas schlecht ist", sagt die 62-Jährige.

Über den Einsatz der Fahrer freuen sich im Übrigen nicht nur die Menschen, die die Lebensmittel bekommen, sondern auch diejenigen, die sie abgeben. Im Lidl-Markt ist der Lagerraum nämlich ziemlich klein, der Platz wird benötigt. "Die sind froh, wenn wir kommen und die Sachen mitnehmen", erzählt Meyer. Beim Aldi auf der anderen Straßenseite werden weitere Kisten, etwa mit Hundefutter, gefüllt. Den Helfern fällt dabei eine offene Mülltonne auf, die bis zum Rand mit Paprika und Salat gefüllt ist - nichts davon sieht verdorben aus. "Wie gesagt: So viel, wie in der heutigen Gesellschaft weggeworfen wird, kann nicht einmal die Tafel verbrauchen", sagt Kaufmann.

Während es auf der einen Seite einen Überfluss an Lebensmitteln gibt, findet man immer häufiger auch das andere Extrem. Das hat Kaufmann dazu bewegt, sich der Tafel anzuschließen. "Mein Sohn ist beim Ordnungsamt in Köln. Er hat mir erzählt, dass er bei einer alten Frau zu Besuch war, die im Kühlschrank nur eine Tafel Schokolade hatte. Das ist leider kein Einzelfall", sagt er. Auch Gundi Heidelberg und Udo Meyer meldeten sich freiwillig bei der Tafel. Heidelberg ist seit rund einem Jahr in Rente. "Ich habe eine sinnvolle Beschäftigung gesucht. Zu Hause auf dem Sofa wächst doch nur der Bauch", sagt sie und lächelt. Die Arbeit bei jedem Wetter stört die Fahrer nicht. Meser: "Nieselregen ist nicht so schön, aber man ist viel an der frischen Luft - ab der vierten Kiste habe ich Betriebstemperatur erreicht."

Auch beim Rewe-Center an der Viktoriastraße werden Kisten mit Bananen, Kartoffeln und Blumenkohl gefüllt. "Da spart man sich wenigstens die Muckibude", sagt Meyer lachend, als er die nächste Kiste in den Transporter hievt. Darin sind inzwischen auch Drogeriewaren zu finden, die beim "dm"-Markt eingesammelt wurden, sowie Zeitungen, die die Buchhandlung Marabu spendet.

Für die Helfer geht's zurück zum Tafel-Pavillon. Das Fahrzeug ist zum zweiten Mal vollgeladen - dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Nach dem Ausladen ist Zeit für eine kurze Kaffeepause. "Die Arbeit macht Spaß, man tut etwas Gutes und es wird nie langweilig", sagt Karl Kaufmann. Dann geht es nach Dabringhausen und Hückeswagen zu den nächsten Anlaufstellen.

(kron)