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Leben in Wermelskirchen: Mit Sehbehinderung durch die Stadt

Leben in Wermelskirchen : Mit Sehbehinderung durch die Stadt

Am 6. Juni ist Tag der Sehbehinderung. Aus diesem Anlass war die Lokalredaktion mit Marietta Höller in der Innenstadt unterwegs. Die 63-Jährige hat eine Makuladegeneration und ist selbst sehbehindert.

Marietta Höller bewegt sich sicher über die Telegrafenstraße. Was an sich nicht der Rede wert wäre, bekommt besondere Bedeutung, wenn man den langen weißen Stock sieht, den die 63-Jährige vor sich über den Boden bewegt. Denn Marietta Höller ist sehbehindert. „Ich habe seit 1995 eine fortschreitende Makuladegeneration und aktuell auf beiden Augen nur noch zwei Prozent Sehkraft“, sagt sie.

Bei dieser Erkrankung des Auges verliert sich der Punkt des schärfsten Sehens, die Umwelt wird unscharf und trüb. „Eine Sehbehinderung ist aber etwas anderes als vollständige Blindheit. Ich habe noch ein wenig Sehkraft und hoffentlich bleibt das auch so“, erklärt Marietta Höller die Unterschiede.

Und dennoch bewegt sich die 63-Jährige sehr sicher durch die Stadt. „Das mag zwei Gründe haben. Zum einen lebe ich seit über 40 Jahren in Wermelskirchen, kenne die Stadt also auch noch als Vollsehende. Zum anderen hat man hier aber auch eine Menge dafür gemacht, dass sich Menschen mit Sehbehinderung zurechtfinden können“, sagt Marietta Höller. Wäre sie indes vollständig blind, würde sie auch nicht ohne Begleitperson unterwegs sein können.

Beim Rundgang über die Telegrafenstraße, die Kölner Straße und die Carl-Leverkus-Straße wird deutlich, was Mariette Höller mit ihrer Aussage meint. „Sehen Sie das glatte Pflaster in der Mitte des Bürgersteigs? Das ist eine Art Laufband und zieht sich durch die ganze Innenstadt bis zum Schwanen“, sagt die Wermelskirchenerin. Und in der Tat – während ihr weißer Langstock über das Pflaster gleitet, merkt man, dass über die Kugel am unteren Ende des Stocks die unterschiedlichen Oberflächen des Belags weitergegeben werden.

Die allermeisten Menschen, die in Wermelskirchen durch das Stadtzentrum spazieren, dürften die unterschiedlichen Bodenbeläge einfach nur als optische Auflockerung zu einer einheitlichen Pflasterung wahrnehmen. Dass dahinter indes ein ausgeklügeltes System für die Orientierung von Menschen mit Sehbehinderung steckt, wird nur klar, wenn man sich näher damit beschäftigt.

Und man entdeckt noch weitere Hilfen für Menschen mit Sehbehinderung auf dem Bürgersteig. „Hier zum Beispiel, an der Bushaltestelle. Da sind die Haltepunkte des Busses mit Einlassungen im Bürgersteig markiert“, sagt Marietta Höller. Ebenfalls anders sei das Pflaster etwa an Einfahrten oder in Ladezonen vor Geschäften. „Man merkt eben, dass hier etwas anders ist, dass man aufpassen muss“, sagt die 63-Jährige.

Dieses System kann nur funktionieren, wenn der Mensch mit Sehbehinderung auch darüber gehen, seinen Stock auf dem Boden entlangführen kann. „Ich bin Mitglied im Remscheider Blinden- und Sehbindertenverein und auch im Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Wermelskirchen. Wir haben mit den Geschäftsinhabern gesprochen, und sie gebeten, ihre Waren nicht zu weit auf den Bürgersteig zu stellen. Das funktioniert auch sehr gut“, sagt Höller. Machtlos sei sie hingegen, wenn Autofahrer sich achtlos auf den Bürgersteig stellen. „Ich kenne mich aus, aber wenn ortsfremde Menschen mit Sehbehinderung hier unterwegs sind, kann das unschön enden“, sagt sie.

Und schon nach wenigen Schritten, ehe es vor dem Film-Eck rechterhand auf den Sparkassen-Parkplatz geht, tritt genau diese Situation ein: Zwei schwarze Autos stehen im Halteverbot – die Karosserien genau über der Wegführung auf dem Bürgersteig. „Da läuft man doch mitten in die Autos“, bemängelt die 63-Jährige. Grundsätzlich seien Autofahrer in der Stadt jedoch sehr rücksichtsvoll. „Im Gegensatz zu vielen Fahrradfahrern, die sich oft nicht an die Verkehrsregeln halten“, sagt Marietta Höller.

Sie sei insgesamt sehr zufrieden mit der Situation in Wermelskirchen – mit einer Ausnahme. „Der Eingang zum Ordnungsamt ist eine Katastrophe. Schon die Stufen zum Hauseingang hoch kann man mit Rollator oder Rollstuhl nicht überwinden, und auch die Treppe im Haus ist viel zu steil“, sagt Marietta Höller. Auch die Anzeigen an den Bushaltestellen seien für Menschen mit Sehbehinderung nicht gut geeignet – zu hoch positioniert, das Schriftbild zu klein und zudem ohne Durchsagen.

Dafür seien die Ampeln sehr gut ausgestattet. „Die akustischen Signale sind für Sehbehinderte eine Hilfe, dazu gibt es auch Sensoren, die vibrieren und so Menschen, die sowohl nicht hören als auch nicht sehen können, signalisieren, wenn grün ist“, sagt Marietta Höller. Auch die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung sei sehr gut. „Ich würde mir nur manchmal wünschen, dass etwa notwendige Reparaturen etwas schneller erledigt würden. Ansonsten kann ich mich wirklich nicht beschweren“, sagt sie.

Wer indes Fragen oder Anmerkungen hat, kann sich direkt an den Beirat für Menschen mit Behinderung wenden. Marietta Höller wird sich zurückmelden.