Wermelskirchen Latein als zweite Fremdsprache beliebt

Wermelskirchen · Latein wird nach wie vor am Gymnasium unterrichtet. Allerdings haben die Schüler immer mehr Probleme mit dem Vokabellernen.

 Andree Sohmen unterrichtet seit rund zehn Jahren Latein am Gymnasium in Wermelskirchen.

Andree Sohmen unterrichtet seit rund zehn Jahren Latein am Gymnasium in Wermelskirchen.

Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Andree Sohmen (49) ist einer von einem halben Dutzend Lateinlehrer, die am Gymnasium in Wermelskirchen die kleine Fraktion der Altsprachler bilden. Er ist damit Teil einer Fachschaft, die eigentlich ganz zufrieden sein könnte: Eine Krise des Schulfachs Latein habe es hier nie gegeben, sagt Sohmen, der seinerzeit an einem humanistischen Gymnasium Abitur machte und in Bonn Latein studierte. Warum der Studiendirektor sein Fach als krisenfest einstuft, kann er mit Zahlen gut belegen: „Wir hatten wieder rund 40 Anmeldungen für Latein als zweite Fremdsprache“, erklärt der gebürtige Weseler, der an allen Unterrichtstagen von Köln nach Wermelskirchen pendelt und bewusst in einer Stadt wohnt, die einst als römische Kolonie gegründet wurde. Denn für jemanden wie Sohmen zählt eine Umgebung, in der die Menschen sich das Bewusstsein für das Alte bewahren.

Gleichzeitig ist Sohmen Realist und weiß genau: Die Sechstklässler, die seit Beginn des laufenden Schuljahres erstmals Latein pauken, sitzen nicht alle aus philosophischen Gründen vor ihm: „Viele Kinder reichen Anmeldungen für Latein ein, weil sie die römische Geschichte oder die antiken Mythen spannend finden. Es gibt aber auch einige, die das tun, weil es für ihre Eltern zum guten Ton gehört, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Latein lernt.“

Sohmen findet diese Motivation nicht tragisch. Sorgenfalten treibt seinen Kollegen und ihm ein ganz anderer Aspekt auf die Stirn: „Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass Latein den Schülern immer mehr Probleme bereitet.“ Man habe sich „schon daran gewöhnt, dass beim Notendurchschnitt einiger Klassenarbeiten zu häufig eine Vier vor dem Komma steht“. Woran das liegt, könne er nur teilweise erklären: „Es scheint, dass es den Kindern und Jugendlichen zunehmend schwerfällt, sprachliche Inhalte langfristig im Gedächtnis zu behalten.“ Für ein Fach wie Latein, in dem eine dauerhafte Note im Zweier- oder Dreierbereich ohne das langfristige Abspeichern von Vokabeln und grammatischen Details nicht möglich sei, offenbar ein großer Nachteil. „Hinzu kommt, dass den Schülerinnen und Schülern nach eigenen Angaben die Zeit fehlt, daheim Vokabeln zu pauken.“ Dies habe die mittlerweile pensionierte Schulleiterin Marita Bahr in Erfahrung gebracht, als sie noch in ihrer Amtszeit Interviews mit einigen Lateinschülern geführt habe, „um herauszufinden, was die Krux ist“. In den Gesprächen sei wiederholt der Nachmittagsunterricht als Folge von G8 beklagt worden: „Dieser Unterricht in Kombination mit Hobbys und anderen Verpflichtungen verlangt offenbar ein Zeitmanagement, mit dem viele Schüler überfordert sind.“

Auch mache den Schülern „die selbständige Problemlösung unter Zeitdruck in der Klassenarbeit zu schaffen“, einhergehend „mit der Gefahr von Verwechslungen“. Dagegen tun könne seine Fachschaft wenig – außer mit regelmäßigen Vokabeltests zwischen den Klassenarbeiten den Lerndruck aufrechtzuerhalten „sowie mit Wiederholungsphasen und Übungsangeboten zu helfen“. Mit Resultaten, die ernüchtern: „Oft stellen wir fest, dass ein gutes oder sehr gutes Abschneiden bei einem Vokabeltest nicht bedeutet, dass die Schüler die Vokabeln zwei Wochen später bei der Klassenarbeit noch im Gedächtnis haben.“

Ohne Vokabelkenntnisse gelinge aber keine Übersetzung, und die bringe im Fach Latein weiter die überwiegende Punktzahl ein. „Über diese strenge Wertung habe ich schon Gespräche mit dem Fachdezernenten bei der Bezirksregierung in Köln geführt“, sagt Sohmen. Gebracht habe es nichts, „weil die Richtlinien im NRW-Schulministerium gemacht werden und wir uns hieran zu halten haben“.

Schülern, die ihr reguläres Latinum oder ihr Kleines Latinum mit einer passablen Note absolvieren wollen, bleibe also nichts anderes übrig, als zu tun, was unzählige Generationen zuvor schon tun mussten: „Fleiß zeigen, sich durchbeißen und dranbleiben.“ Wem das in Latein gelinge, der profitiere auch in anderen Fächern: „Ich kann zweifelsfrei konstatieren, dass Schüler, die in Latein gute Leistungen zeigen, generell gut durch die Schule kommen.“ Auch im Studium erweise es sich als nützlich, wenn man durch den Lateinunterricht gelernt habe, diszipliniert zu arbeiten.

Warum sich Sohmen auch von der Beobachtung, dass Medizinstudenten, die als Schüler in Latein am Ball geblieben sind, deutlich erfolgreicher die Terminologiekurse bestehen, nicht überrascht zeigt. Er brauche sich nur anzusehen, was aus vielen seiner ehemaligen Schülern geworden sei. Dann stelle er fest, „dass Schüler, die mit Latein keine Schwierigkeiten hatten, Kompetenzen mitbringen, die ihnen im späteren Leben helfen“. Was nicht, wie so oft behauptet, unbedingt an dem Talent liege, logisch zu denken. „Vielmehr scheint es mir die Fähigkeit zu sein, an Probleme funktional heranzugehen und ein besonders ausgeprägtes Interesse daran zu haben, sie zu lösen.“

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