Kriminalitätsopfer von Love-Scamming: Auf Liebe gehofft und um Geld betrogen

Love-Scamming-Masche : Auf Liebe gehofft – um viel Geld betrogen

Eine 50-Jährige aus dem Bergischen Land überweist an ihre vermeintlich große Liebe aus dem Internet eine große Geldsumme. Was sie nicht weiß: Es handelt sich um einen Betrüger, der sich als amerikanischer Soldat ausgibt. Laut Polizei das Werk von Profis.

Sie ist blass. Tiefe Ringe unter ihren Augen zeugen von langen Nächten. Manchmal greift sie zu ihrem Schal und verdeckt ihr Gesicht. „Es ist schwer, darüber zu reden“, sagt sie und weint. Lisa Müller trägt eigentlich einen ganz anderen Namen. Aber die 50-Jährige ist vorsichtig geworden – seit jenem Tag im vergangenen Dezember. Damals wurde ihr klar: Sie war Opfer der organisierten Kriminalität geworden. „Wie konnte ich so dumm sein?“, flüstert sie. Kriminalhauptkommissarin Claudia Kammann, Leiterin des Kriminalkommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz, springt ihr zur Seite. „Sie wurden manipuliert“, betont sie. „Das waren Profis.“

Aber das wusste Lisa Müller nicht, als sie im August 2018 eine Kontaktanfrage auf Instagram annahm. „Er war nicht so ein Schönling“, sagt sie. Der Mann gab vor, amerikanischer Soldat zu sein, der mit seiner Familie nach Deutschland gekommen sei. Dann die Scheidung und der Einsatz in Kabul. „Es ging alles ganz schnell.“ Er habe von Liebe gesprochen. „Ich dachte, wir würden uns ein gemeinsames Leben aufbauen“, sagt sie heute.

Stattdessen bat er sie, eine Kiste mit Habseligkeiten entgegenzunehmen, die bisher in einem englischen Schließfach untergebracht gewesen sei. Nun laufe die Frist ab. Und weil sie der hilfsbereite Typ sei, habe sie zugestimmt – ohne mit irgendwem darüber zu reden. Ein Unternehmen nahm Kontakt zu ihr auf, bestätigte den Versand. „Und dann nahm der Horror seinen Lauf“, sagt sie.

Sie bekam Mails mit Zahlungsaufforderungen. Zertifikate müssten bezahlt werden, um die Kiste überhaupt nach Deutschland bringen zu können. Und Lisa Müller zahlte. Wieviel genau, das will sie nicht sagen. Aber am Ende sei es eine sechsstellige Summe gewesen. „Es wurde Druck aufgebaut“, sagt sie, „immer wenn ich eine neue Mail bekam, dachte ich, ich müsse sterben.“ Ihr wurden Zertifikate mit dem Bundesadler geschickt, Unterlagen, die den Betrug gekonnt verschleierten.

Der Spuk dauerte vier Monate, dann ging ihr das Geld aus. Und: Sie bekam Post von der Polizei. Eine Bank hatte die Überweisungen hoher Summen mit dem Verdacht auf Geldwäsche an das Landeskriminalamt gemeldet, die Polizei lud sie als Zeugin vor. „Erst damals begriff ich: Das alles war ein Betrug“, sagt sie. Seitdem habe sie das Vertrauen in die Menschen verloren, in die Liebe sowieso. Mit dem Mann, den es gar nicht gibt, chattet sie weiterhin. „Das ist meine Therapie“, sagt sie.

Sie hört, wie die Kriminalhauptkommissarin berichtet, dass am anderen Ende der Leitung Verbrecherbanden aus Westafrika sitzen. „Da werden verschiedene Menschen mit Ihnen gechattet haben“, sagt Claudia Kammann. Aber Lisa Müller sieht immer noch das freundliche Gesicht des Soldaten vor sich. Ein geklautes Foto, hat sich herausgestellt. Verwendet auf unzähligen Profilen, mit denen die Betrüger weiterhin nach Opfern fischen.

Viele dieser Fälle bleiben für immer ohne Anzeige. „Die Dunkelziffer ist riesig“, sagt die Pressesprecherin der Kreispolizeibehörde, Sheila Behlert. Weil im Kreis im vergangenen Jahr aber gleich zwei Fälle kurz hintereinander bekannt wurden, geht die Polizei nun in die Offensive. Das Phänomen hat einen Namen, heißt „Love Scamming“. Frauen und Männer seien betroffen, meistens zwischen 40 und 60. Die Polizei rät, das Gegenüber unter die Lupe zu nehmen, bevor sich die Schmetterlinge im Bauch breit machen. „Die letzten Alarmglocken sollten schellen, wenn es ums Geld geht“, sagt die Hauptkommissarin.

Die Methoden seien vielfältig, das Ergebnis sei das Gleiche. Sie ermutigt zum Gang zur Polizei, zur Sicherung der Beweismittel, zum sofortigen Kontaktabbruch. „Die Strafverfolgung der Täter ist sehr schwierig“, sagt Kammann, „weil sie aus dem Ausland agieren.“ Aber die Meldung sei schon deswegen wichtig, um nicht von Banken selbst in den Fokus genommen und der Geldwäsche verdächtigt zu werden.

Für sie sei es wohl die Rettung gewesen, dass sich die Polizei eingeschaltet habe, sagt Lisa Müller. Bis heute hat sie mit niemand anderem über den Betrug gesprochen. „Ich muss den Gürtel enger schnallen“, sagt sie, „und irgendwie zurück ins Leben finden.“

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