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Kirche in Wermelskirchen: Gemeinde rettet Flüchtlinge aus dem Mittelmeer

Gemeinde unterstützt Seenotrettung : Mit dem Rettungsschiff beim Neustart helfen

Die Evangelische Kirchengemeinde in Hilgen-Neuenhaus hat sich positioniert: Sie unterstützt die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer – und seit Anfang des Jahres auch die Initiative „United4Rescue“.

Meistens schweigen sie. Der Schmerz ist zu groß, die Erinnerung zu quälend. Aber manchmal erzählen sie dann doch – von ihrem Weg nach Europa, von ihrer Zeit auf dem Meer. „Und dann stehen gestandene Männer vor einem, die ihre Tränen nicht zurückhalten können“, sagt Dorothea Hoffrogge, „man sieht die Traumatisierung in ihren Augen.“

Dorothea Hoffrogge und Christine Eggermann müssen dann an die Bilder denken, die über die Medien nach Mitteleuropa gelangen – von vollen Schlauchbooten, Menschen, die auf Rettung warten oder im Mittelmeer ertrinken. „Eigentlich sind das Bilder, bei denen wir wieder weggucken wollen“, sagt Hoffrogge. Aber spätestens seit sie mit Menschen an einem Tisch gesessen haben, die diesen Bildern eine Stimme und ein Gesicht gegeben haben, können die Presbyter aus Hilgen-Neuenhaus nicht mehr wegsehen. „Jetzt wissen wir, was dort passiert“, sagt die Presbyteriumsvorsitzende, „und wir müssen weitergucken.“ Ohnehin: Das gehöre zum Selbstverständnis der Kirchengemeinde in Hilgen-Neuenhaus. Hinsehen.

Deswegen hat das Presbyterium die Entscheidung getroffen, der Initiative „United4Rescue“ beizutreten. Deswegen sammelt die Gemeinde regelmäßig Spenden, um das Rettungsschiff auf den Weg schicken zu können, das die Initiative inzwischen gekauft hat. Und deswegen stehen im Flur des Gemeindehauses kleine, gefaltete Papierschiffe, deswegen liegen Bücher aus und eine Dose lädt zum Spenden ein. 900 Euro lagen kürzlich bei einem der ersten Präsenzgottesdienste in der Kollekte – bei 35 Gottesdienstbesuchern. „Deutlich mehr Geld als an anderen Sonntagen“, sagt Christine Eggermann, „das ist ein starkes Signal.“

Und doch weiß das Presbyterium auch um den langen Weg, den die Gemeinde für diese klare Positionierung gegangen ist. „Wir leben auf der Sonnenseite, auch deswegen haben wir immer über den eigenen Tellerrand hinaus gesehen“, sagt Hoffrogge. Das gilt für die Freundschaft in den Kosovo, für den Einsatz für die Kindernothilfe, für Beziehungen in die ganze Welt. „Christenpflicht“, nennt die Presbyteriumsvorsitzende diese Aufgabe. „Und wir haben inzwischen Erfahrung mit diesen Entscheidungen“, ergänzt sie und denkt an damals, als sich die Gemeinde so vehement gegen die Abschiebung einer Familie aus dem Kosovo einsetzte, an Kirchenasyl für Geflüchtete und den Einsatz für die Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“. „Diesen Weg sind wir als Gemeinde gegangen“, sagt Hoffrogge, „und dieser Weg hat uns verändert.“ Es habe Menschen gegeben, die die Gemeinde verlassen hätten. Andere seien dazu gekommen. Und auch heute rufen Kritiker bei den Presbytern an und suchen das Gespräch.

Keine Angst vor einer Entzweiung der Gemeinde? „Nein“, sagt Hoffrogge sofort, „wir haben eine gute Kultur der unterschiedlichen Meinungen entwickelt.“ Es gebe in schwierigen Fragen nicht die eine Wahrheit. Menschen können sagen, was sie denken und ihr Gegenüber hört zu – zum Beispiel, wenn es um die Sorge der Menschen geht, dass Rettungsschiffe die Zahl der Flüchtlinge erhöhe.

„Wir haben dazu Gespräche geführt, mit Fachleuten und Betroffenen“, erzählt Dorothea Hoffrogge, „und wir sind zu der Ansicht gekommen, dass Menschen auch fliehen, wenn wir sie nicht retten – weil sie keine Alternative haben, weil sie nicht bleiben können.“ Und trotzdem: Der Austausch sei wertvoll. Es gebe Raum zur Diskussion – und für klare Entscheidungen. „Uns leitet das Bibelwort: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein“, sagt Hoffrogge von der evangelischen Kirche.

Christine Eggermann (l.) und Dorothea Hoffrogge unterstützen die Seenotrettung im Mittelmeer. Foto: Theresa Demski

Und deswegen zerriss auch die Entscheidung für die Initiative „United4Rescue“ die Gemeinschaft nicht. Die Gemeinde ging damals keine finanzielle Verpflichtung ein. „Uns ist es vor allem wichtig, uns zu positionieren“, sagt die Presbyteriumsvorsitzende. Seit dem findet sich das Gemeindelogo in der langen Liste derer, die die Aktion unterstützen. Aus dem Gemeindehaushalt fließe kein Geld in die Initiative, es gebe Sonderkollekten.

Die Gemeinde erhält nach eigener Auskunft regelmäßig „Schiffspost“ mit den Fortschritten, die die „Sea Watch 4“ in einer spanischen Werft macht. Eigentlich habe das Schiff Ostern auslaufen sollen, um sich an Rettungsaktionen im Mittelmeer zu beteiligen. Dann kam Corona. Nun warte die Initiative auf die nächste Möglichkeit, auszulaufen. Das Thema allerdings bleibe akut und präsent, sagt Christine Eggermann. „Uns ist es wichtig, Informationen weiterzugeben“, sagt sie, „wir wollen lernen.“ Deshalb sei die Gemeinde immer wieder im Gespräch – mit Geflüchteten, mit Fachleuten und miteinander.