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Kinderschutz kennt keine Öffnungszeiten

Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land : Kinderschutz kennt keine Öffnungszeiten

Die Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land betreut derzeit 132 Schützlinge, darunter sind auch viele aus Wermelskirchen. 2005 kam es zur Fusion des Kreiskinderheims mit dem Waldhof.

Als die Kinder nach dem Corona-Lockdown in den Häusern der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL) einzogen, konnten die Mitarbeiter nur erahnen, was ihnen während der Pandemie hinter verschlossenen Türen widerfahren war. Manchmal gab es auch äußere Zeichen von körperlicher Gewalt – blaue Flecken zum Beispiel. Und die Kinder, die während des Lockdowns im Waldhof und den anderen Einrichtungen lebten, konnten ihre Familien nicht sehen.

Kinder sind die großen Leidtragenden der Pandemie. „Dieses Toll-wir-kommen-mal-zur-Ruhe-Gefühl gab es für unsere Kinder nicht. Der Lockdown war furchtbar“, sagt Silke Gaube, Geschäftsführerin der EJBL. Sie hofft, dass es nie wieder dazu kommt. Denn prekäre Situationen auf engstem Raum, Aggression, Eskalation sind dann keine Seltenheit.

Corona hinterließ für das Jahr 2020 zudem ein dickes Minus in der Kasse der Einrichtung. Dennoch machen sie weiter, kümmern sich täglich um Kinder, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Umso mehr freuen sich Silke Gaube, das Team und die Kinder, dass sie dieses Jahr als eines von zwei Projekten bei der Wohltätigkeitsaktion „Helft uns helfen“ ausgewählt wurden. Wir stellen die Einrichtung vor und erklären, was sie mit dem Spendengeld vorhat.

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Das Leitbild „Wir sehen uns als Begleiter von Kindern und ihren Eltern“, sagt Silke Gaube. „Vom für zum mit“ lautet die Devise: Während früher die Eltern nur bedingt in die Alltagsprozesse in einer stationären Einrichtung einbezogen wurden, gehört es heute zum Selbstverständnis, dass die Sorgeberechtigten gemeinsam mit ihren Kindern, den Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort und dem Jugendamt die nächsten Schritte planen. Sie bilden eine Verantwortungsgemeinschaft. Diese Haltung, geprägt durch gelebte Nächstenliebe, ist in der Einrichtung spürbar. Manchmal kann man es auch lesen. Zum Beispiel auf den Fahrzeugen der EJBL: Stand dort früher noch „aktiv für Kinder & Eltern“, liest man nun „aktiv mit Kindern und Eltern“.

Die Kinder und Jugendlichen Die 132 Kinder und Jugendlichen, die vom EJBL-Team betreut werden, stammen alle aus belasteten Familienverhältnissen. „Aus der Mittelschicht wie aus prekären Situationen“, betont Silke Gaube. Manche Eltern haben psychische Probleme oder Suchtprobleme und können sich nicht um ihr Kind kümmern. Es gibt aber auch die Kinder, die Gewalt oder sexuellen Missbrauch erfahren haben, die traumatisiert sind, die oft sogar selbst beim Jugendamt anrufen und sagen: „Bitte helfen Sie mir, ich kann nicht mehr!“ Und das komme gar nicht mal selten vor. Daher arbeite man auch eng mit der Ärztlichen Kinderschutzambulanz und den Behörden zusammen. Manche Kinder ziehen mit sechs Jahren ein – und bleiben, bis sie 19 sind. Manche sind kürzer da. Einige sind sogar inkognito, selbst die Betreuer kennen den echten Namen nicht. Zu groß ist die Gefahr, dass diese Kinder, die bereits Gewalt erfahren haben, wieder Opfer von Gewalt werden. Die EJBL begleitet sie alle auf ihrem Lebensweg. Das Konzept ist stark auf Partizipation ausgelegt: Die Kinder und Jugendlichen sollen aktiv einbezogen werden. Zum Beispiel im Gruppensprecherrat. Nach dem Auszug versucht das Team, die Jugendlichen in ein eigenständiges Leben zu entlassen. Sie werden aber erst mal weiter ambulant begleitet. „Das ist unsere Herzensangelegenheit, wir lassen niemanden fallen.“ Manchmal meldet sich nach 30 oder 40 Jahren ein ehemaliges Kind – das sind die schönsten Momente für Silke Gaube.

Die Mitarbeiter Knapp 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die EJBL, vom Hausmeister bis zur Geschäftsführerin. Hinzu kommt eine Betriebsärztin. Der Personalschlüssel ist knapp. Fünf Mitarbeiter betreuen beispielsweise eine Gruppe zwischen sechs und neun Kindern an 365 Tagen im Jahr – gerade in Corona-Zeiten leisteten diese Kollegen Besonderes, sagt Gaube. So unterstützt die EJBL auch drei Jugendämter. Denn Kinderschutz kennt keine Öffnungszeiten. Hinzu kommen viele „sehr gute Ehrenamtler, die ganz wichtig für uns sind“, wie Silke Gaube sagt. Um sie wertzuschätzen, gibt es regelmäßig ein Fest. „Nur diese Gemeinschaft trägt es.“ Daher prangt auch eine Postkarte am Computer der Chefin: „Das Schönste an uns sind wir.“

Die Standorte Vertreten ist die EJBL in Remscheid, Wermelskirchen und Burscheid. In Remscheid werden Intensivgruppen betreut. Am Standort Waldhof sitzt auch das Walter-Frey-Zentrum, das Kinder und Jugendliche in der Not aufnimmt. Bis zu 14 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 17 Jahren erhalten hier einen sicheren Ort, die in einer akuten Notsituation vom Jugendamt aus ihrem bisherigen Umfeld herausgenommen werden mussten, von der Polizei aufgegriffen wurden, selbst um Inobhutnahme gebeten haben oder aus ihrem Heimatland fliehen mussten. Der Waldhof wird im Volksmund Kinderheim genannt, obwohl er das nicht mehr ist. „Viele haben noch das Bild von Schlafsälen mit Waisenkindern im Kopf“, sagt Gaube. Hier seien die wenigsten Kinder Waisen. Die EJBL hat Kinder-Wohngruppen, Jugend-Wohngruppen, Regelwohngruppen, WGs, Verselbstständigungswohngruppen, aber auch ambulante und teilstationäre Dienste wie eine heilpädagogische Ambulanz oder betreutes Wohnen.

Wofür das Geld benötigt wird Die Wohngruppe Intzestraße bräuchte dringend ein Auto für Einkäufe, Therapiestunden, Trainings. Zudem sollen die Kinder, die sich im Gruppensprecherrat für andere einsetzen, mit Tablets ausgestattet werden. Als Wertschätzung soll ihnen eine Reise ermöglicht werden. „Wir würden uns auch wünschen, die beiden Vertrauenspädagogen des Sprecherrats mit mehr Stunden auszustatten“, erklärt Gaube. Allein das macht schon 16.000 Euro aus.

(Boll)