Kabarettist Florian Schroeder gastiert in Wermelskirchen „Halbvoll ist das neue ausverkauft“

Wermelskirchen · Der Kabarettist Florian Schroeder spricht imInterview über die Aufgaben der Satire – und warum nicht jeder, der einen Witz macht, auch Satiriker ist.

 Kabarettist Florian Schroeder gastiert am 22. Oktober mit seinem Programm „Neustart“ in der Kattwinkelschen Fabrik.

Kabarettist Florian Schroeder gastiert am 22. Oktober mit seinem Programm „Neustart“ in der Kattwinkelschen Fabrik.

Foto: Frank Eidel

Herr Schroeder, freuen Sie sich schon auf Ihr Hotel in Wermelskirchen?

Florian Schroeder Ja, ich freue mich sehr auf mein Hotel in Wermelskirchen, das dieses Mal in einem Vorort sein wird – in Köln! Für mich immer noch der schönste Teil von Wermelskirchen.

Sie kennen die Kattwinkelsche Fabrik aus früheren Auftritten?

Schroeder Ich bin regelmäßig dort, ja. Man hat hier zu einem sehr frühen Zeitpunkt an mich geglaubt – eigentlich früher, als ich es selber tat. Insofern komme ich bis heute immer gerne zurück. Ganz abgesehen davon, dass es einfach ein tolles Haus mit begeisterungsbereitem Publikum ist.

Warum ist die Zeit genau jetzt reif für einen „Neustart“ – so ja Ihr neuer Programmtitel?

Schroeder Ich meine, selten war der Wunsch nach einem Neustart größer als heute. Ein Neustart, der all die Querelen der Gegenwart und der vergangenen Jahre auf einmal hinter sich lässt. Das ist nachvollziehbar – aber auch ein Problem. Je mehr wir uns den nächsten Messias herbeiwünschen, desto anfälliger sind wir, auch blind den Falschen hinterher zu laufen, den Schaumschlägern und den Populisten. Italien kann uns hier als Warnung dienen. Das ist das Thema des Programms.

Und welcher soll das konkret sein?

Schroeder Der Neustart kann am Ende des Programms nur von einem kommen – von mir!

In gewisser Weise herrscht aktuell ein etwas anderer Kultur-Pessimismus. Die Kultur selbst ist pessimistisch – aus guten Gründen. Teilen Sie diese Sichtweise?

Schroeder Leider ja. Halbvoll ist das neue ausverkauft, ist derzeit das Motto. Und das erstreckt sich von Opern über Comedy bis hin zu Theatern. Das Publikum ist zurückhaltend. Es scheint eine Mischung aus allgemeiner Ängstlichkeit – vor Corona genauso wie vor Inflation und Gasrechnungen – und einer neuen Gewöhnung ans eigene Zuhause zu sein. Große Teile der Bevölkerung haben Netflix und Co. wahrscheinlich erst durch die Pandemie so richtig entdeckt. Und dann kommt da noch die Begeisterung für das Besondere: auffällig ist, dass alles, was einmalig zu sein scheint, offensichtlich besser funktioniert: Festivals, ungewöhnliche Konstellationen von Künstlern und Events, die Seltenheitswert haben. Das passt zu einer Zeit, in der das Besondere zum Kennzeichen geworden ist.

Bundeskanzler Olaf Scholz sprach im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg von einer Zeitenwende. Befindet sich die Welt aktuell nicht gänzlich in einer solchen? Und wohin geht sie?

Schroeder Das denke ich schon, ja. Mindestens für die westliche Welt lässt sich das sagen. Es war eigentlich klar, dass die Leichtigkeit, die nach 1989 eintrat und dann mit dem 11. September 2001 und der anschließenden Finanzkrise erste Dellen bekam, nicht dauerhaft bleiben könnte. Jetzt sehen wir, dass wir uns offensichtlich zu früh für die Sieger der Geschichte gehalten haben, die wussten, wie man all die Feinde und Gegner zu Partnern macht. Wohin die Welt geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Es gibt nichts Größenwahnsinnigeres und Hohleres, als in die Glaskugel zu gucken und sich kurze Zeit danach rechtfertigen zu müssen, warum man so vollständig danebenlag.

Sie haben vor Querdenkern gesprochen und sind regelmäßig auf großen und kleinen Bühnen zu Gast - vor welchem Publikum fühlen Sie sich wohler?

Schroeder Die Herausforderung, vor einem Publikum zu sprechen, das die eigene Sichtweise garantiert nicht teilt, ist darum so groß, weil sie bedeutet, sich aus der eigenen sicheren Bubble für einen Moment zu verabschieden. Das gelingt natürlich nicht ständig. Ansonsten liebe ich große Bühnen sehr, weil ich feststelle, dass ich umso ruhiger werde, je größer das Publikum ist.

Glauben Sie, Ihr Querdenker-Auftritt in Stuttgart hat etwas bewirkt?

Schroeder Vielleicht ist es gelungen, zu zeigen, dass ausgerechnet die größten Verteidiger der Meinungsfreiheit diejenigen sind, die sie am wenigsten aushalten. Ob der Auftritt Menschen zur Umkehr bewegt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Es wäre auch ein gefährlicher missionarischer Anspruch – viel zu viel für eine kleine Kunstaktion wie diese.

Wie relevant ist die Frage heute noch: „Was darf die Satire?“

Schroeder Die Frage ist heute relevanter denn je, da heute jeder meint, auch den größten menschenverachtenden Quatsch mit Satire rechtfertigen zu können. Wenn Pegida-Demonstranten Politiker an Galgen hängen wollen und sagen, das sei ja nur Satire, dann ist das hochgefährlich und hat mit der Kunstform nichts zu tun. Nicht jeder, der einen schlechten Witz macht, ist Satiriker. So wie nicht jeder ein bildender Künstler ist, der mal ein Gesicht auf ein Papier gezeichnet hat. Darüber hinaus stellt sich innerhalb der Satire die Frage, wie sehr wir in moralisch aufgeladene Zeiten bereit sind, Stimmen zu akzeptieren, die sich dem Moralismus entziehen.

Müsste man nicht eher nach der Aufgabe der Satire fragen – welche ist die im Jahr 2022?

Schroeder Ich meine, dass Satire heute vor allem die Aufgabe hat, zu irritieren und nicht nur von der Kanzel herab zu predigen, wer gut und wer böse ist. So bleibt sie vorhersehbar und macht sich mit dem moralischen Koordinatensystem der Kritisierten gemein.

Wie viel des Privatmenschen Florian Schroeders steckt in Ihrer Bühnenperson?

Schroeder Natürlich stecken in der Kunstfigur auch meine Themen, alles, was mich bewegt, meine Wut und manchmal auch meine Verzweiflung. Allerdings gewendet ins Lustige, Unterhaltsame, manchmal Tragikomische. Durch die Bühnenfigur wird das Ungeordnete in mir geordnet, zugleich verfremdet. Sonst wäre es privatistisch und wenig kunstfertig.

Wer – tot oder lebendig, aktiv oder im Ruhestand – ist Ihr Lieblings-Kabarettist?

Schroeder Die Frage kann ich so nicht beantworten. Ich bin groß geworden mit Harald Schmidt, vor dessen Lebenswerk ich noch immer großen Respekt habe. Ich habe David Letterman geliebt und verehre Stephen Colbert und John Oliver.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort