In Wermelskirchen werden Hochbegabte gefördert

Interview Eva Maria Gutschera : Besondere Förderung für Talente

Mit „Drehtür“- und individuellen Fördermodellen unterstützt das Gymnasium seine Schüler.

Schon als Guido Westerwelle zu Lebzeiten noch Chef der Liberalen war, forderte die FDP für Deutschland ein wettbewerbliches Bildungssystem mit mehr Spitzen- und Begabtenförderung. Seit gut einem Jahr ist die FDP im Landtag nun mit an der Macht und seitdem auch verantwortlich für das NRW-Schulministerium. Hat sich die Begabtenförderung hierdurch verändert? Ein Gespräch mit Eva Maria Gutschera, Ansprechpartnerin für die Förderung besonders talentierter Schüler am Gymnasium.

Im April startete eine Bund-Länder-Initiative zur Talentförderung, an der sich 63 Schulen in NRW beteiligen. Hat sich durch den Regierungswechsel in NRW am Gymnasium bereits etwas verändert?

Maria Gutschera Wir gehen hier bei der Begabtenförderung weiter den Weg, den mein Vorgänger Bernhard Münch vor einigen Jahren geebnet hat. Konkret setzen wir im Rahmen der individuellen Förderung unverändert das Forder-Förder-Projekt um. Es ermöglicht besonders begabten Schülern der Jahrgangsstufe 5, sich mit einem selbst gewählten Forschungsthema zu beschäftigen und die Ergebnisse gegen Schuljahresende an einem Präsentationsabend vorzustellen. Ferner bieten wir Drehtür- und individuelle Fördermodelle an.

Was bietet das Gymnasium speziell denjenigen Schülern, die besondere Stärken in den so genannten MINT-Fächern zeigen, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik?

Gutschera Auch wir fördern hier MINT-Bildung und ermöglichen die Teilnahme an Mathematik – und Physik-Wettbewerben. Unser Siegel „MINT-freundliche Schule“ ist eine Ehrung, die dafür steht.

Elvira Persian, die neue Schulleiterin, sagt, dass es für eine Schule wie das Gymnasium nicht sinnvoll wäre, sich einseitig auf den MINT-Bereich zu fokussieren. Denn das Gymnasium sei das einzige vor Ort, und es gebe auch andere Begabungen als die mathematisch-naturwissenschaftlichen, die das Kollegium genauso fördern wolle. Können Eltern von jungen Mathe-Genies sich dennoch sicher sein, dass ihre Kinder an dieser Schule nicht zu kurz kommen?

Gutschera Zunächst muss man feststellen, dass hochbegabte Kinder, zu denen auch die angesprochenen Mathe-Genies zählen, äußerst selten sind. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, von denen wir mehr fordern müssen, sind sehr begabt und leistungsstark – und das durchaus nicht nur in einem speziellen Fach, sondern häufig in ganz vielen Fächern. Doch nur weil hinter jedem Fach eine Eins steht, liegt noch nicht zwangsläufig eine Hochbegabung vor.

Wie erkennt man denn die Hochbegabten?

Gutschera Das Problem ist, dass man sie manchmal gar nicht erkennt. Nehmen wir das positive Gegenbeispiel von Moritz, der heute in der 8. Klasse ist, obwohl er eigentlich in die Jahrgangsstufe 7 gehört. Moritz fiel auf, weil er ständig den Unterricht störte. Anders als viele andere kleine Störenfriede hatte er dabei aber sehr gute Noten. Zudem fiel Moritz auf, weil er sich anders kleidete, gerne einen Anzug trägt und bis vor kurzem noch die Haare als langen Pferdeschwanz. Er stellte Fragen auf Studentenniveau und zeigte ein altersuntypisch starkes Interesse an Politik.

Wie ging es dann weiter?

Gutschera Wir entwickelten ein Modell für ihn. Er durfte im ersten Halbjahr in zwei Klassen der Jahrgangsstufe 7 hospitieren und eine Klassenarbeit mitschreiben, die gut ausfiel. Wir beschlossen dann in einer Lehrerkonferenz, bei der die Eindrücke aller involvierten Lehrkräfte einfließen, ihn zum zweiten Halbjahr hin springen zu lassen.

Gab es danach Probleme?

Gutschera Nein. Er schreibt weiter gute Noten und hat leistungsmäßig zur Klasse aufgeschlossen. Nur in Französisch, der zweiten Fremdsprache, hatte er viel nachzuholen. Doch jetzt hat er selbst hier wieder gute Noten.

Warum führte man im Fall von Moritz keinen Intelligenztest als zusätzliche Entscheidungshilfe durch?

Gutschera Weil wir Glück hatten und es in seinem Fall eben offenkundig war, dass er hochbegabt ist. Ferner sind wir keine Freunde von Prozentzahlen, sondern vertrauen lieber auf die Beobachtungen unserer Kollegen.

Dabei liest man doch immer wieder, dass ein hoher IQ bis circa 130 einen Hinweis auf sehr begabte Menschen liefert, und das alles, was darüber hinaus geht, ein Zeichen von Hochbegabung sei.

Gutschera Ich kenne diese Thesen und bleibe dabei, dass individuelle Beobachtungen besser sind. Noch ein aktuelles Beispiel aus unserer Schule: Die Sechstklässlerin Lorena hat sehr gute Noten, denkt und spricht schnell und nimmt seit Jahren an Kursen der Junior-Uni in Wuppertal teil. Es ist klar, dass dieses Kind zusätzliches Futter braucht. Also ermöglichen wie ihr die Teilnahme am Forderprojekt. Zudem kann sie ab dem nächsten Schuljahr stundenweise ihren Klassenverbund verlassen, damit sie im Rahmen des so genannten Drehtürmodells in ihren besten Fächern den Unterricht einer höheren Jahrgangsstufe besuchen kann. Diese Maßnahmen werden aller Voraussicht nach völlig ausreichen, und so erfolgreich funktioniert das bei den meisten sehr Begabten. Wofür also noch den IQ testen?

Wenn es so läuft, ist es ja gut. Anouk Wieneke, eine Schülerin, die hier am Gymnasium gerade ein Abitur mit 1,2 gemacht hat, erzählt jedoch, dass sie seinerzeit keine Lust hatte, an dem Förderprojekt teilzunehmen, weil sie keinen Vortrag halten wollte. Anderen wiederum gefällt nicht der Gedanke, ihren Klassenverbund zu verlassen. Kommt es oft vor, dass Schüler aus solchen Gründen das Drehtürmodell ablehnen?

Gutschera Es passiert immer wieder, dass sich sehr begabte Schüler so entscheiden. Da gibt es dann die Option, an einem individuellen Projekt im Klassenraum zu arbeiten und zum Beispiel im Selbststudium Spanisch zu lernen. Oder man kann sich eine interessante AG aussuchen oder an einem Wettbewerb teilnehmen. Außerdem kann ein der Neigung entsprechender Forderkurs wie „Englisch Book Club“ oder „Bau eines Solarmobils“ gewählt werden. Bis zur Klasse 7 sind diese Forderkurse übrigens verpflichtend und auch nicht nur für die sehr Begabten gedacht, sondern für alle Schüler.

Anouk Wieneke hatte nach Angaben ihrer Mutter noch ein anderes Problem, mit dem auch Moritz zu tun haben wird. Es geht um Lehrfilme mit Altersbeschränkungen oder Praktika, für die ein Mindestalter vorgesehen ist. Was machen dann Kinder, die verglichen mit dem Rest der Klasse ein bis zwei Jahre jünger sind?

Gutschera Dieses Problem lässt sich leicht lösen, indem wir die Erlaubnis oder die Unterschrift der Eltern einholen. Was wir nicht lösen können, ist den möglichen Unterschied beim körperlichen und emotionalen Reifungsprozess: Nur weil ein Kind kognitiv schon viel weiter ist, tritt es ja nicht schneller in die Pubertät ein.

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