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In Wermelskirchen und Rhein-Berg mehr häusliche Gewalt in der Pandemie

Frauenberatungsstelle für Wermelskirchen und Rhein-Berg : Häusliche Gewalt nimmt in der Pandemie zu

Die Beratungsstelle des Kreises registriert zwölf Prozent mehr Hilferufe von Frauen. Ein neuer Flyer soll Betroffene, aber auch ihr Umfeld besser erreichen.

Ihr Aufatmen sei wahrscheinlich „überall zu hören gewesen“, lassen die Mitarbeiter der Allgemeinen Frauenberatungsstelle für den Rheinisch-Bergischen Kreis wissen. Denn dass sie als systemrelevant eingestuft würden, um ihrer so wichtigen Arbeit auch während der Pandemie nachgehen zu können, stand erst im Sommer fest, nach dem ersten Lockdown.

Dabei sprechen die Zahlen für sich: Im Corona-Jahr 2020 hat sich die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Frauen deutlich erhöht. „Im Vergleich zum Vorjahr sind die Beratungsanfragen 2020 um zwölf Prozent gestiegen, was wir auf einen Anstieg von Problemen im häuslichen Bereich während der Pandemie zurückführen“, teilte die Beratungsstelle mit. 461 Frauen nahmen das Beratungsangebot in Anspruch. Gewalt sei mit 48 Prozent der häufigste Anlass für die Telefon- und Onlineberatung gewesen, davon 84 Prozent häusliche Gewalt.

Eine Sorge, die die Beratungsstelle umtrieb, war die Frage, ob sie die Frauen erreichen kann, „die unsere Unterstützung benötigen?“ Das Team habe auf Öffentlichkeitsarbeit gesetzt, um mögliche Betroffene auf unterschiedlichen Wegen auf das Angebot eines Austauschs aufmerksam zu machen. Im Februar fand so beispielsweise eine Presseaktion in Kooperation mit der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt für den Kreis statt. Die Berater stellten einen Flyer zur Anonymen Spurensicherung (ASS) vor. Außerdem veranstalteten sie eine Schulung zum Thema „Häusliche Gewalt“ für Hebammen. An sieben Abenden hätten sich Frauen zudem über rechtliche Aspekte bei einer Trennung oder Scheidung informieren lassen.

In Kooperation mit den Gleichstellungsbeauftragten der Städte und des Kreises, dem Jugendamt, der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt für den Kreis, dem Arbeitskreis Essstörung und der Bono Direkthilfe   fand im November der Aktionstag „Keine Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ statt. „Dass eine gute Vernetzung hilfreich ist, war uns zwar bewusst. Wie wichtig sie ist, hat uns die Pandemie gezeigt: Der Austausch mit den Kollegen anderer Institutionen hat uns inspiriert, unterstützt, bestätigt und Sicherheit gegeben“, so das Resümee der Beratungsstelle. Ein ähnliches Angebot, wenn auch in gedruckter Form, bietet der „Runde Tisch Keine Gewalt an Frauen im Rheinisch-Bergischen Kreis“ an: Ein Flyer fasst Hilfsangebote, wichtige Nummern und Informationen „kompakt und verständlich“ zusammen. Er richte sich an Frauen, die Gewalt erfahren oder von ihr bedroht sind, sowie an Außenstehende, die Gewalt zum Beispiel bei Bekannten oder in der Nachbarschaft mitbekommen, aber nicht wissen, was zu tun ist.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sind die Informationen in deutscher, englischer, türkischer und arabischer Sprache gedruckt. „Wir bieten Betroffenen mit dem Flyer schnell Hilfe und sprechen gezielt auch Frauen und Männer an, die Gewalt zum Beispiel im Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft beobachten. Denn häusliche Gewalt ist keine Privatsache“, betont Anja Möldgen, Gleichstellungsbeauftragte des Rheinisch-Bergischen Kreises. Zum Runden Tisch gehören Akteure aus dem Frauenhaus Bergisch Gladbach, den Frauenberatungsstellen, von Justiz und Staatsanwaltschaft, Polizei, Opferhilfe, Jugendämtern, Kinderschutzbund und Gleichstellungsstellen.

Der neue Flyer klärt über die verschiedenen Arten von Gewalt auf: Neben sexuellen oder körperlichen Übergriffen sind zum Beispiel auch das Unterbinden sozialer Kontakte wie Telefonat- oder SMS-Verbot und der Entzug finanzieller Mittel wie das Verbot, einer Arbeit nachzugehen, gewaltsame Handlungen.

Das Informationsangebot liegt bei Vertreterinnen des Runden Tischs aus, bei den Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen und des Kreises, den Fachberatungsstellen, den Jugendämtern und bei der Polizei. Frauen, die Hilfe benötigen, können sich an die regionalen Beratungsstellen und telefonisch an die bundesweite professionelle Beratungshotline 08000 116 016 wenden. Die kostenlose Hilferufnummer ist rund um die Uhr – auch in Zeiten von Corona – erreichbar.