Wermelskirchen Immer weniger Zeit für das Menschliche

Wermelskirchen · Häusliche Pflege in Wermelskirchen: Die Diakonie beteiligt sich an einer Initiative für bessere Bedingungen in der häuslichen Krankenpflege. Die unzureichende Finanzierung gehe zulasten der Patienten und des Pflegepersonals.

Zwölf Minuten. So viel Zeit hat eine Mitarbeiterin in der ambulanten Pflege für das Setzen einer Insulinspritze und einen Verbandswechsel – inklusive Anfahrt und Schreibarbeit. Viel zu wenig, sagt Peter Siebel, Geschäftsführer der Diakoniestation. 500 Menschen werden in Wermelskirchen täglich vom ambulanten Pflegedienst der Diakonie versorgt. In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen der Pflege deutlich verschlechtert. "Jede Mitarbeiterin muss auf ihrer Tour in der gleichen Zeit zwei bis drei Patienten mehr versorgen als noch vor zehn Jahren", sagt Peter Siebel, Geschäftsführer der Diakoniestation. Im Spätdienst müssten die 70 Mitarbeiter der Diakonie (45 Hauptamtler) sogar fünf bis sechs Patienten mehr als noch vor zehn Jahren betreuen. "Die Qualität der ambulanten Pflege ist bedroht. Unsere Pflegekräfte können sich für ihre Patienten kaum mehr die eigentlich nötige Zeit nehmen", sagt Siebel. "Das Zwischenmenschliche bleibt auf der Strecke." Ursache sei die Unterfinanzierung der Pflegeleistungen durch die Krankenkassen.

Die Wermelskirchener Diakonie beteiligt sich nun an einer landesweiten Initiative für bessere Bedingungen in der häuslichen Pflege. Mit ihrer Aktion "Hilfe! Mehr Zeit für die Pflege" weist die Freie Wohlfahrtspflege NRW auf die signifikante Arbeitszeitverdichtung hin.

Die Diakonie Wermelskirchen macht am Freitag, 26. April, auf dem Wochenmarkt auf die schlechten Pflegebedingungen aufmerksam. Anschließend soll es eine Kundgebung auf dem Marktplatz geben, kündigt Siebel an.

Während die Kosten seit 2002 um 20 Prozent angestiegen seien, erhöhten die Kassen die Vergütungen nur um sieben Prozent. Kostensteigerungen durch höhere Löhne und Sachkosten könnten von den Pflegediensten schon längst nicht mehr aufgefangen werden. "80 Prozent der Kosten sind Personalkosten", sagt Siebel. Mit 3500 Euro monatlich machten die Spritkosten den zweiten großen Posten aus. "Wir fahren mit unseren 20 Autos rund 300 000 Kilometer im Jahr." Allein die Fahrzeit mache auf dem Land 20 Prozent der Arbeitszeit aus. Auch der bürokratische Aufwand verschlinge immer mehr wertvolle Zeit, sagt Siebel. "Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes nimmt allein die Dokumentation 25 Prozent der Arbeitszeit in Anspruch."

Wenn eine Pflegekraft beispielsweise einen 80-jährigen Mann im Bett aufrichte, beim An- und Auskleiden helfe und mit ihm Sitz- und Gehübungen mache, vergüte die Krankenkasse dies mit 8,28 Euro. In diesem Betrag seien die Kosten für die Arbeitszeit bereits enthalten.

"Die Anforderungen sind steil nach oben gegangen. Das ist echt Wahnsinn", sagt Bonnie Schreiner, Fachbereichsleitung bei der Diakonie. Sie geht sogar soweit, die Arbeit des Pflegepersonals als "Fließbandarbeit" zu bezeichnen.

"Der zeitliche Druck auf die Mitarbeiter der Pflegedienste steigt ständig", sagt Siebel. "Das spüren auch unsere Patienten." Um weiterhin gute Arbeit leisten zu können, bräuchten die Dienste von den Kassen deutlich mehr Geld. Denn Geld bedeute hier tatsächlich Zeit – "und die zählt für die Menschen".

(RP)
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