Landratswahl Tülay Durdu (spd): Ihr Motto: beim Diskutieren nie verletzen

Landratswahl Tülay Durdu (spd) : Ihr Motto: beim Diskutieren nie verletzen

Zwei Kandidaten, eine Wahl: Am Sonntag entscheiden die Menschen im Rheinisch-Bergischen Kreis bei der Stichwahl über ihren neuen Landrat/Landrätin. Ein Treffen mit Tülay Durdu, die begeisterte Läuferin ist, im Eifgen.

Wermelskirchen "Das tut gut." Tülay Durdu atmet tief ein. Der Eifgenbach und das Laub vermitteln eine herbstliche Atmosphäre, die Sonne wirft ihre Strahlen auf den Waldweg. "In den letzten Wochen bin ich viel zu selten dazu gekommen, draußen zu joggen", sagt Tülay Durdu. Der Wahlkampf hat seinen Preis gefordert. Weniger Zeit für die Familie und keine Gelegenheit mit Laufschuhen und Musik in den Ohren in die Wahner Heide abzutauchen. Gewöhnlich hört sie dann R'n'B. Laut, rhythmisch und genau die richtige Musik zum Laufen, findet die 43-Jährige. "Dann komme ich verschwitzt und vermatscht aus dem Wald zurück", erzählt sie, "und meistens sehr entspannt." Für Entspannung gab es in den Wochen vor der Landratswahl wenig Zeit. Und doch habe der Wahlkampf vor allem positive Spuren hinterlassen, sagt die Sozialdemokratin, während sie über die aufgeweichten Wege entlang des Eifgens spaziert. Sie habe viele neue Orte und Menschen kennengelernt.

Angst vor dem Diskurs und anderen Meinungen habe sie nie gehabt. "Ich bin das Jüngste von fünf Kindern", sagt sie, "das habe ich früh gelernt." Mit einem Bruder und drei Schwestern wächst Tülay Durdu als Kind türkischer Einwanderer in Bensberg und Hoffnungsthal auf. "Die Herkunft meiner Eltern hat in unserer Kindheit keine große Rolle gespielt", sagt. Die "bio-deutschen" Nachbarn seien offene Menschen gewesen, die Kindheit im Bergischen Land sehr glücklich. Umso mehr erschrecke sie der neue, raue Ton in Deutschland. Weihnachten seien sie als Kinder zwar nicht in den Gottesdienst gegangen, hätten aber trotzdem gefeiert. "Ich habe die Werte beider Kulturen erlebt", sagt sie, "und eigentlich sind sie identisch." Sie glaube an Gott, sei dankbar und mit ihm im Gespräch. Und wer sie fragt, ob sie als Türkin gut in Deutschland angekommen sei, der bekommt eine klare Antwort: "Ich war schon immer hier."

Seit 2002 hat Tülay Durdu nur noch einen Pass, sieben Jahre später stieg sie in die Kommunalpolitik ein. Dort profitiert sie von dem, was ihr Vater ihr früh mit auf den Weg gegeben hat: "Streite für die Sache, diskutiere mit den Menschen, aber werde nie persönlich beleidigend." Das habe sie geprägt, sagt Tülay Durdu. An der Weggabelung im Eifgen entscheidet sie sich für den Anstieg Richtung Eipringhausen - trotz der Ballerinas an ihren Füßen und dem aufgeweichten Weg. Sie erinnert sich an ihre Schulzeit, an Lehrer, die wie Eltern waren und viele Streiche. "Es hat sich viel verändert", sagt sie. Ihre eigene Tochter ist elf, ihr Sohn erwachsen. "Heute haben Kinder ganz andere Herausforderungen", sagt sie. Cybermobbing ist so ein Thema. Den Kampf gegen die negativen Auswüchse der Digitalisierung, die oft zu wenig beachtet würden, hat sie sich auf die Fahnen geschrieben. "Und wir müssen uns auch Gedanken darüber machen, dass sich eben nicht jedes Kind ein Tablet für den Unterricht leisten kann", sagt sie. Schule und Soziales, das sind ihre Themen. "Wir müssen die Jugend schützen und die älteren Menschen unterstützen." Dabei kommen Themen wie Mobilität auf den Tisch.

Inzwischen liegen die Eipringhauser Felder vor ihr. Die Sonne scheint und Tülay Durdu zieht ihr Jackett aus. "Es ist so schön hier", sagt die Wirtschaftsfachwirtin und lässt den Blick in die Weite schweifen. Warum sie sich dem Wahlkampf, dem Stress und politischen Machtspielen aussetzt? "Als Politikerin habe ich die Möglichkeit, Dinge zu verändern und zu gestalten", antwortet sie. Das habe sie damals so empfunden, als sie beim TÜV-Rheinland einen Betriebsrat mitgründete, dem sie später auch vorsaß. Das empfindet sie heute so, wenn sie gemeinsam mit Schulen Projekte auf den Weg bringt. Deswegen wolle sie am kommenden Sonntag Landrätin werden.

Nach einer guten Stunde sitzt Tülay Durdu auf einer Bank am Wanderparkplatz. Mit einem Tuch wischt sie über die pflegeleichten Schuhe, die den Weg gut überstanden haben. Das Jackett hat sie wieder angezogen. "Im Rheinisch-Bergischen hat man das Paradies direkt vor der Tür", sagt sie, "das ist unser Zuhause."

(resa)
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