Wermelskirchen: Friedhofsspaziergang erinnert an NS-Opfer

Wermelskirchen : Friedhofsspaziergang erinnert an NS-Opfer

Über 30 Besucher nahmen am sonntäglichen Rundgang mit dem Armin Himmelrath teil.

Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete auch in Wermelskirchen einen tiefen Einschnitt in eine Vielzahl von Lebensgeschichten - Gräber auf dem Stadtfriedhof weisen noch heute darauf hin. Um die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit lebendig zu halten, veranstaltet die VHS Wermelskirchen einmal jährlich einen Friedhofsspaziergang unter der Leitung des Wissenschaftsjournalisten Armin Himmelrath. Alle Interessierten können sich hier mit den Ereignissen der NS-Zeit in Wermelskirchen und den Lebensgeschichten von Opfern und Tätern auseinandersetzen. Am Sonntagvormittag lud Himmelrath wieder einmal zum Friedhofsbesuch, und das Interesse war groß: Mehr als 30 Besucher schlossen sich dem Rundgang bei Nebel und Nieselregen an.

Die Besucher erfuhren Bewegendes aus dem Leben des jüdischen Arztes Kurt Wohl, der als "Arzt der Arbeiter wie der Unternehmer" (Himmelrath) seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Wermelskirchen praktiziert hatte und vor 1933 hoch angesehen war. Nach der Machtübernahme durch die Nazis begannen die Repressionen umgehend - nicht nur durch die Behörden, sondern auch durch regimetreue Kollegen. Wohls Verlobung mit Cläre Zänder wurde annulliert, praktizieren durfte er praktisch nicht mehr. "Die Ausgrenzung erfolgte Schritt für Schritt", erklärte Himmelrath.

Im Jahr 1940 konnte Wohl schließlich - ohne Hab und Gut - nach Indonesien zu seinem Sohn, der später bei einem japanischen Angriff ums Leben kam, fliehen. Erst nach dem Krieg fanden Wohl und Zänder wieder zueinander und konnten heiraten - sie lebten dann zunächst in Indonesien und kehrten später nach Wermelskirchen zurück.

Nach dem Besuch von Wohls Grab ging es auf den ehemals katholischen Teil des Friedhofs, wo unter anderem der Pfarrer Ludwig Zentis begraben liegt. "Viele Pastoren waren der NS-Herrschaft gegenüber skeptisch", erklärte Armin Himmelrath. Beim Gottesdienst des Pfarrers Zentis hörten darum viele Spitzel mit - zu dauerhaften Repressionen kam es in seinem Fall jedoch nicht.

Nicht weit entfernt vom katholischen Bereich erinnern rund ein Dutzend Grabsteine an, während oder kurz nach dem Krieg in Wermelskirchen umgekommene Zwangsarbeiter aus Osteuropa. "Das spiegelt die Dimension der Zwangsarbeit in der Stadt jedoch in keiner Weise wider", merkte Himmelrath an. In mehreren Lagern wurden nämlich mindestens 600, womöglich sogar über 1000 Zwangsarbeiter gefangengehalten.

Diese und weitere Geschichten machten auch klar: Die Verbrechen waren für die Bevölkerung sichtbar. Ein Ziel der VHS-Veranstaltung war darum auch, über die Anfänge des NS-Terrors und die Verfestigung der Ideologie in der örtlichen Gesellschaft aufzuklären. "Es begann nicht mit dem Bau der Konzentrationslager. Es begann mit Ausgrenzung", merkte Himmelrath auch im Hinblick darauf an, dass rechte Kräfte heute politisch wieder an Stärke gewinnen.

Den nächsten Friedhofsspaziergang wird es in einem Jahr geben - der Rundgang findet alljährlich etwa zur Zeit des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar, Tag der Befreiung von Auschwitz) statt.

(RP)