Wermelskirchen: "Frauen müssen klare Grenzen ziehen"

Wermelskirchen: "Frauen müssen klare Grenzen ziehen"

Über sexualisierte Gewalt in der Filmbranche wird heftig diskutiert. Aber Frauen sind auch Opfer auf anderen Ebenen. Die Gleichstellungsbeauftragte rät Frauen zu mehr Mut, um blöde Anmache, Belästigung, Diskriminierung abzuwehren.

Die "Mee Too"-Kampagne schwappt über Deutschland, vor allem seit Filmemacher Dieter Wedel sexueller Übergriffe beschuldigt wird - von mehreren Schauspielerinnen. Zwar ist die Filmbranche mit all ihren unausgesprochenen "Gesetzen" wie die viel zitierte Besetzungscouch weit weg von Wermelskirchen - aber das Thema sexuelle Belästigung, Missbrauch und diskriminierendes Verhalten Frauen gegenüber beschäftigt auch Esther Wargenau-Zeitz.

Seit fünf Jahren ist sie Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wermelskirchen, führt Erstberatungsgespräche mit ratsuchenden Frauen. Sie macht dies in Teilzeit, denn das Gros ihrer Tätigkeit liegt im Jugendamt. In Sachen Gleichberechtigung von Frauen möchte sie in Wermelskirchen etwas bewegen. Trotz der gesetzlich verankerten Gleichstellung von Mann und Frau halten sich immer noch nicht nur veraltete Rollenbilder, sondern auch Benachteiligungen wie schlechtere Bezahlung von Frauen oder schlechtere Aufstiegschancen. Auf Chefsesseln säßen immer noch zu wenig Frauen.

Bei der Besetzung von Stellen innerhalb der Verwaltung achte sie mit darauf, dass Frauen bei gleicher Qualifikation den Zuschlag unter den Bewerbern bekommen. "Und nach dem Frauenförderplan versuchen wir auch, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen", sagt sie. Offenbar ist das ein weiter Weg, denn oft wählen Mädchen noch die Ausbildung in den typischen "Frauenberufen" oder trauen sich nicht zu, den Chefposten anzustreben.

Esther Wargenau-Zeitz wünscht sich generell, dass Mädchen und Frauen mehr Mut zu zeigen: Bei der Berufswahl, indem sie sich beispielsweise auch an Ingenieurstudiengänge und naturwissenschaftliche Fächer herantrauen, aber auch bei der Durchsetzung ihrer Ziele.

Mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen und mehr Selbstbewusstsein im Auftreten zu zeigen, ist gleichzeitig auch das beste Mittel gegen Diskriminierung oder blöde Anmache. Wenn Männer Frauen belästigen, übergriffig werden oder "nur" verbal" herabwürdigen, dann habe das oft auch etwas mit Machtausübung und vermeintlicher Überlegenheit zu tun, sagt sie.

"Frauen fehlt oft das nötige Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, klar Grenzen aufzuzeigen: bis hierhin und nicht weiter", weiß die Gleichstellungsbeauftragte aus zahlreichen Gesprächen. Daher kommt der Bildung als beste Vorbeugung gegen Übergriffe in all ihren Facetten eine entscheidende Rolle zu. Die Erziehung zu einem stärkeren Selbstbewusstsein und sicherem Auftreten sollte ihrer Auffassung nach schon im Kindergarten und in der Grundschule beginnen. "Wer aber schon als Mädchen gedemütigt wird, wehrt sich später nicht." Raus aus der Anpassungsrolle, mit kleinen Schritten zum Ziel laute daher die Devise. So könnten Selbstbehauptungskurse dazu beitragen, dass Mädchen und Frauen eine andere Haltung annehmen, wenn ihnen ein Angreifer gegenübertritt - im wörtlichen Sinne. "Sie lernen, eine Körperhaltung anzunehmen, die Selbstbewusstsein ausstrahlt. Oft fängt es damit an, dass die Teilnehmerinnen lernen, in Gefahrensituationen oder wenn jemand versucht, sie zu belästigen, nicht den Blick zu senken", beschreibt sie den Lernprozess in den Kursen.

Die Nachfrage nach Selbstbehauptungskursen sei nach den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2016 stark angestiegen, nun rolle mit dem "Wedel-Skandal" eine zweite Nachfrage-Welle auf die Anbieter zu. Auch innerhalb der Verwaltung solle wieder ein Kursus angeboten werden.

Und wie wirkt sie innerhalb der Verwaltung, um herabwürdigendem Verhalten Frauen gegenüber vorzubeugen? Es gebe selbstverständlich eine Dienstanweisung, aus der hervorgeht, wie Mitarbeiter sich zu verhalten haben - dabei gehe es nicht nur darum, Belästigung, sondern auch Mobbing zu vermeiden. Sie rate in diesen Zeiten zu mehr Sensibilität, nicht nur was den Abstand zur Person anbelangt, sondern auch bei Äußerungen wie zum Beispiel den typischen Männerwitzen. "Was für Männer harmlos wirken mag, kann auf Frauen schon grenzwertig wirken", sagt sie.

In Zusammenarbeit mit der Kölner Ärztin Maria Spahn plane sie zudem das Angebot von weiteren Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen.

(pd)