Fachkräfte und Niedriglohnarbeiter fehlen: Flüchtlinge als Arbeitskräfte integrieren

Fachkräfte und Niedriglohnarbeiter fehlen: Flüchtlinge als Arbeitskräfte integrieren

Vielen Betrieben in Wermelskirchen gehen die Mitarbeiter aus: Unternehmer wie Frank Rößler und Walter vom Stein steuern mit neuen Ideen gegen - sie helfen Geflüchteten bei der Integration und profitieren davon.

An hektischen Tagen, wenn die Lastwagen bei ACU an der Wolfhagener Straße vorfahren und Ladungen ein- und ausgeräumt werden müssen, dann wird es eng. "Dann müssen Mitarbeiter aus dem Büro mit anpacken und ich ziehe selber die Arbeitsjacke an und steige in den Container", sagt Frank Rößler. Denn dem Unternehmen fehlen Arbeiter im Lager. "Das Problem ist schon vor anderthalb Jahren greifbar geworden", sagt er. Die Folgen des demografischen Wandels seien für die Industrie verheerend.

Ausgeschriebene Stellen blieben immer häufiger unbesetzt - sowohl Fachkräfte als auch Niedriglohnarbeiter würden fehlen. Und die Situation verschlechtere sich zunehmend. Ähnliche Erfahrungen macht Walter vom Stein, Geschäftsführer bei Steintex. Und deswegen gehen die Unternehmer nun neue Wege und bemühen sich um Geflüchtete. "In erster Linie geht es darum, Menschen eine Chance zu geben", sagt Frank Rößler. Er will fleißigen und arbeitsfreudigen Flüchtlingen bei der Integration helfen. Und das bedeutet: Dreimal in der Woche bietet er mit Unterstützung eines Lehrers Deutschunterricht im Betrieb an.

An drei Nachmittagen sollen Flüchtlinge, die etwa einen Praktikumsvertrag bei ACU unterschrieben haben, Sprachunterricht im Konferenzraum bekommen. "Bevor in Deutschland Integration überhaupt beginnt, müssen die Menschen viele Hürden nehmen", sagt Rößler. Er selbst will nun beim Abbauen dieser Hürden helfen und so gleichzeitig dem Bewerbermangel begegnen.

Dabei scheut er vor politischen Aussagen nicht zurück: "Wir brauchen Arbeitskräfte", sagt er, "und wer fremdenfeindliche Parolen verbreitet, der schadet auch der Wirtschaft." Dort denke man immer globaler, da könne bei der Einstellung von Mitarbeitern nicht länger ein Unterschied gemacht werden. Das praktiziert auch Walter vom Stein so: Im vergangenen Jahr stand Tag für Tag Mustapha Benarif aus Marokko vor seiner Tür. Er bewarb sich für einen Job bei Steintex. Sein Deutsch war schlecht. "Aber er hat jeden Tag nach Arbeit gefragt", erzählt vom Stein, "und dieser Einsatz hat uns gefallen."

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Also fragte das Unternehmen in Bergisch Gladbach nach, ob eine Arbeitserlaubnis vorliege und bekam eine positive Rückmeldung. Seitdem arbeitet Mustapha Benarif bei Steintex. Von Verständigungsproblemen will der Geschäftsführer nichts wissen. Hände und Füße, ein Blick und immer mehr deutsche Wörter: "Das klappt schon", sagt vom Stein. Schließlich verständige er sich auf gleichem Weg mit Taxifahrern in Shanghai. "Menschen finden eine Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren", ist er sicher.

Und das bestätigt auch der 32-Jährige aus Marokko: "Arbeit", sagt er, "dann ist alles gut." Und deswegen will er sich richtig ins Zeug legen, bei Steintex Wurzeln schlagen und auf die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung hoffen. Frank Rößler wünscht sich noch einen weiteren Effekt, von der neuen Strategie: "Wir können so erkennen, wer sich integrieren möchte und wem gar nicht daran liegt", sagt er. Auch bei bisherigen Mitarbeitern gehe er von einem Lernprozess aus. Im ACU-Werk in Thüringen seien Vorbehalte bereits Freundschaften gewichen. Natürlich dürfe man sich nichts vormachen: Es würden nicht nur Erfolgsgeschichten geschrieben. Aber den Versuch gelte es zu unternehmen.

Er ist längst mit anderen Unternehmern in Wermelskirchen im Gespräch - wie mit Walter vom Stein. "Ich habe den Eindruck, das Interesse ist groß", sagt Rößler. Den Deutschunterricht würde er auch für Flüchtlinge öffnen, die in anderen Wermelskirchener Firmen angeheuert haben. "Wir könnten das Projekt gemeinsam stemmen", sagt der ACU-Geschäftsführer und wünscht sich mehr Unterstützung von den Behörden. Bisher sei ihm noch nicht ein Flüchtling vermittelt worden, sagt er.

"Die Stadt sollte eine Stabsstelle einrichten, die sich darum bemüht, dass Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung oder Arbeitsverhältnisse vermittelt werden", sagt Rößler. Unterm Strich könne eine Kommune so nämlich am Ende auch Geld sparen.

(resa)