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Europäische Mobilitäswoche in Wermelskirchen

Europäische Mobilitätswoche in Wermelskirchen : Bordsteine werden zu Grenzerfahrungen

Amtsleiter und Mitarbeitende nahmen im Rollstuhl Platz: Der Beirat für Menschen mit Behinderung hatte zur Mobilitätswoche zum Perspektivwechsel eingeladen.

 Harald Drescher verlässt gerade den Parcours. Der Leiter des Tiefbauamts bewegt sich im Rollstuhl auf dem Flur Richtung Rathaus. „Ich möchte wissen, wie sich das im Alltag anfühlt“, sagt er. Und es wird eng: Die Türen in der Küche werden zur Herausforderung, der Bodenbelag auch. Und als Harald Drescher schließlich aus dem Bürgerzentrum Richtung Parkplatz fährt, muss er richtig arbeiten. „Jetzt weiß ich, warum Sie im Alltag oft die Handschuhe tragen“, sagt er schließlich zu Petra Sprenger, die jeden Tag als Rollstuhlfahrerin unterwegs ist. Die Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung nickt verstehend: „Wenn ich ohne Handschuhe die Carl-Leverkus-Straße runter fahre, habe ich anschließend Blasen an den Fingern“, sagt sie.

Als Harald Drescher nach einer Weile den Rollstuhl wieder verlässt, hat er eine neue Perspektive gewonnen: „Es ist noch mal etwas anderes, das selber zu erleben“, sagt er. Auch vorher sei er bei Planungen des Tiefbauamts für Menschen mit Behinderung sensibilisiert gewesen. Als es damals um die Planungen für den Innenstadtumbau ging, habe die Verwaltung zum Beispiel den Blindenverein eingeladen, um sich beraten zu lassen. Trotzdem: Die Amtsleiter und Mitarbeiter der Stadt nehmen die persönliche Erfahrungen am Freitagmorgen mit in ihre Büros.

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„Es gibt Nachholbedarf bei diesem Thema“, stellt Petra Sprenger fest. Und genau deswegen hat der Beirat für Menschen mit Behinderung am Freitag zum Sensibilisierungsparcours ins Bürgerzentrum eingeladen. Bevor am Nachmittag die Öffentlichkeit und am Abend die Politik zum Ausprobieren eingeladen ist, kommen am Vormittag die städtischen Mitarbeiter. Im Beirat hatten Menschen mit Behinderung beklagt, dass ihre Bedürfnisse in der Verwaltung oft nicht genug bedacht werden. „Einfach weil die Menschen es nicht besser wissen“, sagt Petra Sprenger und weist auf Stehtische, Handdesinfektionsmittel auf Brusthöhe und nicht zuletzt das barrierereiche Ordnungsamt hin. Aber auch bei Planungen des Städtebaus sei es wichtig, die Interessen von Menschen mit Behinderung gleich von Anfang an mitzubedenken. Deswegen hatte sich der Beirat eine Sensibilisierung der Mitarbeiter gewünscht, eine Broschüre zur Verfügung gestellt und zum Aktionstag eingeladen – pünktlich zur Europäischen Mobilitätswoche.

„Die Resonanz ist gut“, freut sich am Freitagvormittag Christiane Beyer vom Sozialamt. Alle städtischen Mitarbeitenden seien eingeladen worden – vom Erzieher bis zum Gerichtsvollzieher, vom Jugendamt bis zum Gebäudemanagement. „Es ist uns wichtig, mal die Perspektive zu wechseln und die Erfahrungen in unseren Arbeitsalltag mitzunehmen“, sagt Thomas Marner, Technischer Beigeordneter. An drei Stationen können Interessierte Handicaps simulieren: Der Rollstuhlparcours führt über Steigungen und Wippen, Aufzüge und Schrägen. Die wenigsten, die an diesem Vormittag zum ersten Mal im Rollstuhl sitzen, kommen ohne Probleme über die Hindernisse. Gleich nebenan helfen die Mitglieder des Seniorenbeirats Interessierten in einen Alterssimulationsanzug – der Bewegungen erschwert. „Alt werden wir alle“, sagt Marner, „und auch daran müssen wir beim Planen und Umsetzen denken.“

An der dritten Station können die Mitarbeiter für einen Augenblick die Perspektive eines Menschen mit Sehbehinderung einnehmen – mit entsprechender Brille und Blindenstock geht es in einen Parcours. „Menschen, die schlecht sehen, haben natürlich andere Bedürfnisse als Rollstuhlfahren“, weiß Petra Sprenger. Alle unter einen Hut zu bekommen, sei im Alltag nicht einfach. „Aber es hilft uns schon, wenn es im Rathaus, in der Gesellschaft und in der Politik ein Gespür dafür gibt “, ergänzt sie, „wir wollen kein Mitleid, sondern Verständnis“. Und deswegen sei es dem Beirat so wichtig, pünktlich zum Aktionstag so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

Am Nachmittag ist dann die Öffentlichkeit in die verschiedenen Teststrecken im großen Saal im Bürgerzentrum eingeladen. Beim Beirat für Menschen mit Behinderung klingt dann noch ein anderer Appell mit: „Wenn Menschen im Alltag sehen, dass zum Beispiel Rollstuhlfahrer in der Innenstadt an ihre Grenzen stoßen, dann freuen wir uns, wenn sie ihre Hilfe anbieten“, sagt Petra Sprenger und ergänzt schnell: „Aber bitte nie einfach eingreifen, sondern immer ansprechen.“