Einen Hungerast zu erleiden, ist bei einer Radtour auf der Balkantrasse kaum möglich

Unterwegs auf der Balkantrasse : Essen auf Rädern

Einen Hungerast zu erleiden, ist bei einer Radtour auf der Balkantrasse kaum möglich. Alle paar Kilometer gibt es Einkehrmöglichkeiten – wenn man sie denn findet.

Nicht einmal 30 Kilometer liegen für Radfahrer zwischen Lennep und Opladen, doch angesichts der Einkehrmöglichkeiten wähnt man sich auf einer Etappe der Tour de France. Der Kalorienbedarf scheint besonders hoch zu sein bei den Hobbyradlern im Bergischen Land, die auf einer als ehemalige Bahnstrecke angepriesenen Radroute immerhin ein paar kurze Steigungen zu überwinden haben. So können sie unter anderem zwischen „Eis aus eigener Herstellung“ in Burscheid, griechischen Fleischspezialitäten in Wermelskirchen und China-Pfanne ebenfalls in Burscheid wählen. Wenn sie die Lokale denn direkt finden und diese auch geöffnet haben.

Im Gespräch mit unserer Redaktion anlässlich der Tourismusmesse ITB wies Tobias Kelter, Geschäftsführer der Naturarena Bergisches Land GmbH, die die Region vermarktet, bereits darauf hin, dass er noch „Luft nach oben“ sehe, was Öffnungszeiten und Ausschilderung der Übernachtungs- und Gastronomiebetriebe entlang der Fahrradstrecke angeht. „Unser Ziel ist es, ein aufeinander abgestimmtes Gastronomie- und Hotelangebot entlang der Bahntrassen zu entwickeln“, sagte Kelter. Auf Burscheider Stadtgebiet stehen bereits einheitliche rot-weiße Hinweisschilder auf die Lokale und Bäckereien sehr gut sichtbar entlang der Trasse. Andere Kommunen haben indes keine Beschilderung organisiert.

Zudem: Bei unserer Test-Tour an einem späten Frühlingsvormittag zeigte sich, dass einige der Hungerast-Bekämpfungsstationen an der Strecke ausgeschildert sind, der Weg dahin dann aber doch etwas umständlich ist.

Beispiel Burscheid: Das an der ehemaligen Bahnlinie angekündigte Eiscafé mit Produkten aus eigener Herstellung klingt nach leckerer Kalorienzufuhr. Davor allerdings steht Arbeit: Von der Trasse abgebogen, führt ein recht steiler Weg rechts in Richtung Innenstadt. An der nächsten Querstraße fehlen weitere Hinweisschilder auf die angekündigte Gastronomie, lediglich ein „Ristorante“, das ebenfalls auf der Balkantrasse beworben wird, ist direkt auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Wer nicht allzu sportlich unterwegs ist und Lust auf einen Stadtbummel hat, mag die Muße haben, das Café mit dem selbstgemachten Eis in der Innenstadt ausfindig zu machen. Familien mit quengelnden Kindern, die ihre Räder den Hügel hochschieben mussten, vermutlich eher weniger. Praktischer wäre, an der nächsten Kreuzung auf die an der Trasse beschilderten Einkehrmöglichkeiten erneut hinzuweisen. Denn wer das Wunschlokal erst suchen muss, landet woanders oder fährt genervt weiter.

Auf Burscheider Stadtgebiet sind Gastronomiebetriebe professionell und einheitlich ausgeschildert – zumindest auf der Trasse selbst. Foto: Corinna Kuhs

Sollte er aus Richtung Lennep kommen, ist Planung gefragt. Zwar häufen sich die rot-weißen-Schilder mit Hinweisen auf Gastronomie und Hotels rund um das Burscheider Stadtgebiet, doch danach wird es eher spärlich. Heißt: Bis Opladen  kommt erst einmal nichts mehr. Gute sieben Kilometer sollten natürlich auch ohne Verpflegung zu schaffen sein (zumal es Richtung Opladen leicht bergab geht), aber Burscheid bietet auch die letzte Möglichkeit, in den dortigen Lokalen die Trinkflaschen aufzufüllen. Zum Beispiel in einer Bäckerei mit Sitzgelegenheit, die ebenfalls an der Trasse beworben wird, und nach einem Abstecher durch ein Wohngebiet sowie nach einer kurzen Hügelfahrt an einer Kreuzung etwas abseits der Radstrecke zu finden ist.

Verwirrung bringt ein Hinweis auf der Tafel in Hilgen. Dort wird „Steffens – Hotel Zur Heide“ angekündigt. Etwas kleiner sind darunter die Öffnungszeiten notiert: Montag bis Sonntag ab 17 Uhr und Freitag bis Sonntag von 11.30 bis 14 Uhr. Fraglich, ob ein Radler, der diese Stelle an einem Samstag um 15 Uhr passiert, das Risiko auf sich nimmt und den Abstecher zum Hotel wagt – laut Tafel müsste es just zu diesem Zeitpunkt geschlossen sein.

Gen Osten wird es hinter Wermelskirchen mau: An Werktagen verkauft der Raiffeisenmarkt Eis aus der Kühltruhe, Gastronomiebetriebe wie der Biergarten einer Tennishalle in Bergisch-Born sind aber nicht einheitlich ausgeschildert. So wirbt ein griechisches Restaurant etwa mit einem selbstaufgestellten Schild, das Fußgänger quer über eine Wiese zum Lokal und Radfahrer von der Trasse aus etwa 200 Meter um die Wiese herumleitet.

Eine Ausnahme unter den Einkehrmöglichkeiten zwischen Opladen und Lennep ist der Alte Bahnhof in Burscheid mit seinem kleinen Biergarten, weil er unmittelbar an der Strecke liegt. Fotos: Jürgen Moll Corinna Kuhs (2). Foto: Corinna Kuhs

Dass es keine einheitliche Beschilderung gibt, die Touristen und Radler auf der Balkantrasse zu Hotels, Cafés und Restaurants führt, bestätigt Tobias Kelter von der Naturarena Bergisches Land GmbH. „Leider gibt es bisher kein Konzept, wie Touristen von der Trasse zur Gastronomie geleitet werden“, sagt er. Bisher hätten schlicht Zeit und Kapazitäten gefehlt. Allerdings wolle man das Ganze in Zukunft angehen. Einen Zeitplan dafür gibt es allerdings noch nicht. Bislang hätten sich Kommunen oder kommunale Interessenverbände um Wegweiser zu Restaurants gekümmert, so Kelter. Oder eben auch nicht. Alle an einen Tisch zu bekommen, und sich auf ein optisches Konzept zu einigen, dürfte kompliziert werden. Denn die Naturarena Bergisches Land GmbH vermarktet nur Mitgliedsbetriebe, könnte also keine Wegweiser zu einem Café aufstellen, das keinen Beitrag zahlt.

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