Ein sicherer Ort für traumatisierte Kinder

Evangelische Jugendhilfe in Wermelskirchen und Remscheid : Ein sicherer Ort für traumatisierte Kinder

Die Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land hat 18 ihrer Mitarbeiter zu Traumapädagogen ausbilden lassen – um Kindern und Jugendlichen in großer Not noch besser helfen zu können. Und, um selbst einen Umgang mit dem Leid zu finden.

Heiner van Mil erinnert sich gut an jenen Nachmittag, als er einer der Wohngruppen einen Besuch abstattete. Als er den Raum betrat, wich eines der Mädchen panisch zurück. Die Siebenjährige suchte sich ein Versteck in der Ecke, aus dem sie den fremden Gast beobachtete. „Das Studium bereitet dich auf diese Momente nicht vor“, sagt er. Und selbst als Pädagoge komme man häufig nicht umhin, das Verhalten der Kinder persönlich zu nehmen. Aber Heiner van Mil wollte Antworten finden – und so ging es vielen der Mitarbeiter der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (EKBL). „Wir erleben diese Situationen jeden Tag“, sagt auch Geschäftsführerin Silke Gaube, „viele Kinder, die zu uns kommen haben großes Leid erlebt und sind in großer Not.“

Also machte sich die EJBL auf die Suche nach Antworten – die Verantwortlichen ahnten, dass sie sie in der Traumapädagogik finden würden. Sie knüpften Kontakt zu namhaften Pädagogen und gewannen schließlich Wilma Weiß und Christina Rothdeutsch-Granzer für sich – zwei Koryphäen auf ihrem Gebiet. Neun Mal reisten die beiden Fachfrauen zu den dreitägigen Weiterbildungsmodulen in Hünger an. Die nicht unerheblichen Kosten trug die EJBL aus Ersparnissen, um den Kostenanteil für die Mitarbeiter möglichst gering zu halten. Am Freitagnachmittag erhielten die 18 Teilnehmer ihre Zertifikate als Traumapädagogen.

Und was hat die Weiterbildung im Arbeitsalltag verändert? Heiner van Mil denkt wieder an die Siebenjährige in der Wohngruppe zurück. „Sie hatte seit ihrer frühesten Kindheit massive körperliche Misshandlungen durch ihren Vater erlebt“, erzählt er. Schlimmer aber noch hätten die seelischen Verletzungen gewogen: Der Vater hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dem Mädchen an Weihnachten leere Geschenkverpackungen zu überreichen und ihre Kuscheltiere zu zerschneiden. „Das Mädchen hat also einen guten Grund, in Deckung zu gehen. Sich zu verstecken“, sagt van Mil. Das ahnte er damals schon, aber heute kann er es benennen und verstehen. Und das habe seine Haltung verändert, seine Art, in diesen Momenten auf die Kinder zuzugehen – und selbst einen Umgang mit dem Leid zu finden.

„Die Weiterbildung hat es uns möglich gemacht, wirklich zu verstehen, was in den Kindern vorgeht, was in ihren Körpern in diesen Augenblicken geschieht und welche Reaktionen daraus resultieren“, sagt auch EJBL-Mitarbeiterin Katja Morawietz. Daran denkt sie, wenn Kinder in der Wohngruppe gewalttätig werden, wenn Jugendliche ihre Zimmer verwüsten. „Das ist echte Not“, sagt sie. Und dann sei es wichtig für die Kinder, einen Weg zu finden, wieder selbst die Macht zu übernehmen. „Wir reden jetzt nicht mehr von Opfern“, erklären die Pädagogen. Schluss mit der Hilflosigkeit. Mit der Haltung hat sich auch die Sprache verändert. Das soll nun Kreise ziehen, auch an die rund 120 anderen EJBL-Mitarbeiter weitergetragen und regelmäßig aufgefrischt werden. Nach der Weiterbildung fühlen sich Mitarbeiter wie Heiner van Mil und Katja Morawietz deutlich besser gerüstet. Wilma Weiß hat sie daran erinnert, dass Heilungsprozesse ganz natürlich seien. „Wir müssen niemanden heilen, wir begleiten die Kinder nur dabei.“

Und genau das hat sich die EJBL auf die Fahnen geschrieben. Auch die ersten sichtbaren Spuren hat die einjährige Weiterbildung bereits hinterlassen: In der Wohngruppe, in der die Siebenjährige heute lebt, hängen Fotos des kompletten Teams an der Wand – um nicht mehr von fremden Gesichtern überrascht zu werden. „Und an der Tür haben wir ein Schild angebracht: Klingeln ist für Gäste Pflicht“, erklärt van Mil. Die eigentliche Veränderung aber hat in Herzen und Köpfen stattgefunden. Mit einem Ziel: Kindern einen sicheren Ort zu bieten.

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