Ehrenamt: Ein Schlaganfallhelfer in Wermelskirchen erzählt

Ehrenamt: Ein Schlaganfallhelfer in Wermelskirchen erzählt : Hilfe leisten, wenn die Welt Kopf steht

Die Schlaganfallgruppe hat in den vergangenen Monaten Helferinnen ausgebildet: Sie sollen Menschen nach dem Schlaganfall unterstützen. Eine von ihnen ist Eva Wittenburg. Sie will da sein, wenn es mehr Fragen als Antworten gibt.

Brigitte Hallenberg war gerade am Brotbacken, als das Telefon klingelte. Sie hob trotzdem ab und hörte am anderen Ende eine fremde, verzweifelte Stimme. Eine alte Dame hatte die Nummer von Brigitte Hallenberg in einem Faltblatt gefunden, das ein Arzt ihr im Krankenhaus in die Hand gedrückt hatte. An diesem Nachmittag war die Not groß geworden. Ihr Mann hatte mit dem Schlaganfall das Reden verlernt. „Und nun erzählte mir die 80-jährige Dame, dass sie darüber noch verzweifle, dass sie ihren Mann verliere, dass überhaupt keine Möglichkeit der Kommunikation bestehe“, erzählt die Vorsitzende der Schlaganfallgruppe.

Die Not klang in der Stimme am Telefon mit. „Geben Sie mir eine Stunde“, sagt Brigitte Hallenberg. Sie machte sich auf den Weg und saß schließlich mit der alten Dame und ihrem Mann am Wohnzimmertisch. Ob sie es schon mal mit singen versucht habe, fragte Brigitte Hallenberg die Dame und erntete verständnislose Blicke. Ihr Mann könne nach dem Schlaganfall nicht mehr sprechen, erinnerte die Frau. Und dann stimmte Brigitte Hallenberg einfach ein Wanderlied an, forderte die alte Dame zum Mitsingen auf und es vergingen nur ein paar Sekunden und der alte Mann stimmte ein. „Ich gab den beiden eine Aufgabe“, sagt Brigitte Hallenberg, „sie sollten jeden Tag miteinander singen.“ Die Not war für den Moment gebannt – weil Brigitte Hallenberg wusste, dass Schlaganfallpatienten das Reden oft unmöglich ist, das Singen aber nicht.

Es sind genau diese Situationen, in denen die Schlaganfallgruppe für die Menschen da sein will. „Aber ich kann das nicht mehr alleine stemmen“, sagt Brigitte Hallenberg. Und deswegen startete im vergangenen Dezember mit Hilfe der Deutschen Schlaganfallhilfe ein erster Kursus für Schlaganfallhelfer. Seit März sind fünf ausgebildete Ehrenamtliche für die Schlaganfallgruppe im Einsatz. Eine von ihnen ist Eva Wittenburg. Sie sitzt regelmäßig im Schlaganfallbüro und will helfen, das Chaos zu lichten, wenn Betroffene oder Angehörige mehr Fragen als Antworten haben. „Manche Angehörige melden sich noch aus dem Krankenhaus“, erzählt sie.“

Welche Reha eignet sich? Wie wird eine Pflegestufe bestimmt? Welche Pflegedienste helfen? Welche Hilfsmittel gibt es für den Alltag? Wo wird ein Schwerbehindertenausweis beantragt? Und wo können Betroffene wie Angehörige Hilfe im emotionalen Aufruhr bekommen? „Wir können nicht immer selber die Antworten geben“, sagt Eva Wittenburg, „aber wir wissen, wo es sie gibt.“

Und weil die Schlaganfallhelfer ahnen, dass weder Betroffene noch Angehörige in dieser Ausnahmesituation die Kraft haben, sich von Station zu Station zu hangeln, um die Hilfe zu bekommen, die sich brauchen, bieten sie ihren helfenden Arm zur Orientierung an. „Wir gehen mit“, sagt Melanie Drobnitza, die sich ebenfalls hat ausbilden lassen. Sie ist auch im Außeneinsatz, fährt zu Familien, in Krankenhäuser, begleitet zu Ärzten, wenn das gewünscht wird. Und weil sie gesehen habe, wie dramatisch ein Schlaganfall das Leben ganzer Familien verändere und den beeindruckenden Kampf zurück in den Alltag beobachtet habe, wolle sie nun Unterstützung anbieten.

„Ich will da sein, zuhören und auch dann noch bleiben, wenn der andere weint“, sagt sie. Denn Hilfe könne am Ende ja immer auf zwei Ebenen stattfinden – auf einer ganz praktischen und auf einer emotionalen. Für beides sind die Schlaganfallhelfer gerüstet. Sie hat sie in Krankenhäuser und Sanitätshäuser geführt, zu Gesprächen mit Ärzten und Betroffenen, hat Netzwerke gestärkt und Sensibilität geschaffen. „Jetzt sind wir bereit“, sagen Eva Wittenburg und Melanie Drobnitza.

Mehr von RP ONLINE