Die wilden 1920er als analoge Multimedia-Show in Wermelskirchen

In der Katt in Wermelskirchen : Die wilden 1920er als analoge Multimedia-Show

Es war das Aufeinandertreffen zweier Künste, die auf den ersten Blick gar nicht so viel miteinander zu tun zu haben schienen: Zeichnen und Musik. Aber schon nach wenigen Minuten am Freitagabend war klar, dass sich hier eine Melange der ganz besonderen Art gefunden hatte.

Bei Robert Nippoldt und dem Trio Größenwahn und ihrem Programm „Ein rätselhafter Schimmer“ ergänzten sich diese beiden Künste auf so hervorragende und vor allem unerwartete Art und Weise, dass man am Ende des Abends das Gefühl hatte, etwas so noch nicht Gesehenem beigewohnt haben zu dürfen – kein Wunder dass es hier stehende Ovationen gab! Das vierköpfige Ensemble entführte sein Publikum im vollbesetzten kleinen Saal der Kattwinkelschen Fabrik ins Berlin der wilden 20er Jahre.

Und das auf zweierlei Weise. Denn während das Trio Größenwahn, bestehend aus der wunderbaren Sängerin Lotta Stein, Bassist Christoph Kopp und Pianist Christian Manchen, Chansons und Lieder jener Zeit auf ganz hervorragende Weise darboten, ergänzte Zeichner Robert Nippoldt das Geschehen mit flinken Tusche- und Kreidestrichen. Die wurden auf die bühnenfüllende Leinwand projiziert, und ergaben unglaublicherweise so etwas wie einen abendfüllenden Film. Denn entweder zeichnete Nippoldt ganz neue Figuren oder er ließ eine Art Taschenlampe, tatsächlich ein geschickt geführter Scherenschnitt, über verschiedene Szenen aus dem Berlin zwischen den Weltkriegen wandern.

Diese perfekt ausbalancierte Synchronizität nahm den Zuschauer gefangen, ließ ihn den Blick nicht mehr vom Geschehen auf der Bühne wenden, denn zu leicht hätte da doch ein Detail verpasst werden können. Etwa beim Parforceritt durch die „Weimarer Republik in drei Minuten“. Da präsentierte Nippoldt dem staunenden Publikum die Protagonisten von Anbeginn bis zum bitteren Ende im Schnelldurchlauf. „Ein Monat Amtszeit entspricht einer Sekunde“, hieß es da auf einer der kleinen Texttafeln, die Nippoldt ab und zu ebenfalls an die Wand warf. Und wer die damalige Fluktuation der Politiker kannte, wunderte sich nicht, dass die Musiker da bisweilen tatsächlich im Sekundentakt die Musik anpassen mussten.
Diese völlig analoge Multimedia-Show war einfach nur faszinierend. Anzusehen und anzuhören. Als etwa die „Seeräuber-Jenny“ aus Bert Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ von einer grandios anzusehenden und handgemachten Scherenschnittanimation untermalt dargeboten wurde. Vor soviel Einfalls- und Ideenreichtum konnte man nur den Hut lüften und sich dem Spektakel auf der Bühne hingeben.