Reiner Irlenbusch: "Die Preise liegen viel zu hoch"

Reiner Irlenbusch : "Die Preise liegen viel zu hoch"

Der Obermeister der Kfz-Innung im Bergischen Land über die Zukunft des motorisierten Fahrens und die Attraktivität seines Gewerbes.

Herr Irlenbusch, womit fahren wir in den kommenden Jahren zum Einkaufen?

Irlenbusch Das ist eine gute Frage. Im großen Maße dürfte sich das schon verändern. Vieles wird sich elektrifizieren. Und es wird andere, neue Konzepte geben, wie etwa das System "Carsharing". Im ländlichen Raum werden wir uns aber in den kommenden Jahren weiter so bewegen, wie wir das jetzt auch machen. Denn ich glaube, dass es Industrie und Politik klar ist, dass wir an den Verbrennungsmotoren nicht vorbeikommen.

Wie realistisch und populistisch ist die Forderung, Verbrennungsmotoren in den nächsten 15 Jahren abzuschaffen?

Irlenbusch Ich finde, das Wort "populistisch" trifft es hier genau: Ich halte solche Forderung zu 50 Prozent für Populismus. Denn selbst jetzt sind die Reichweiten noch nicht auf dem Niveau des Verbrennungsmotors - trotz höherer Reichweite und besserer Speichermedien. Und auch die Preise liegen nach wie vor viel zu hoch.

Wo stehen wir generell in Sachen Elektromobilität?

Irlenbusch Man sieht es bei der Umsetzung durch die großen Konzerne - die haben damit ja längere Zeit gewartet und sich nicht direkt auf dieses nur langsam anlaufende Pferd Elektrifizierung geschwungen. Und das betrifft nicht nur Mercedes, Volkswagen oder BMW. Auch General Motors oder Toyota sind mit ihren bestehenden Konzepten nicht so ganz zufrieden. Der Ball nimmt langsam an Fahrt auf, um später einen Massenmarkt bedienen und dem Verbraucher fahr- und bezahlbare Konzepte anbieten zu können.

Was sind die Hauptprobleme bei den E-Autos?

Irlenbusch Zum einen die Kapazität der Batterien, also die Reichweite. Aber auch die Infrastruktur mit Stromtankstellen ist alles andere als ideal. Erst in den vergangenen Wochen haben sich diesbezüglich die Hersteller übrigens zusammengesetzt und ein Abkommen beschlossen, dass dafür sorgen soll, dass der Autofahrer sich vor Fahrtantritt nicht erst hinsetzen und seine Route akribisch planen muss. Sprich: Sie wollen sich für eine europaweit flächendeckende Versorgung mit Stromtankstellen einsetzen. Daran sieht man aber auch, dass das alles nicht von heute auf morgen gelöst sein kann.

Wann kann es denn so weit sein?

Irlenbusch Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten zehn Jahren durchgängig elektrifiziert sein werden - weder im ländlichen Raum noch generell.

Wie sinnvoll sind E-Autos überhaupt für den Klimaschutz? Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt der Entwicklung?

Irlenbusch Das ist eine sehr politische Frage. Ähnliches muss man sich auch fragen, wenn man ein neues Haus baut: Man will ja eine Heizung, die den ökologischen Standards von heute und morgen genügt - und dann fragt man sich aber eben auch, wie es denn nun dazu im Geldbeutel aussieht. Es wird immer eine Abwägung des Einzelnen nötig, um die für einen selbst richtige Entscheidung zu treffen.

Die Kunden sind mit dem Kfz-Gewerbe sehr zufrieden. Weshalb?

Irlenbusch Das liegt in der Struktur unseres Gewerbes. Wir sind sehr nah am Kunden. Ich bezeichne das manchmal sarkastisch als eine Art Helfersyndrom. Die Frage nach der Bezahlbarkeit steht da allerdings auch im Raum, denn sowohl Immobilien als auch Mitarbeiter wollen bezahlt werden. Ich erlebe aber immer ein großes Potenzial an Hilfsbereitschaft - und das führt zu großer Nähe zum Kunden. Und das sorgt dort natürlich für große Zufriedenheit.

Was macht einen modernen und zukunftsgerichteten Kfz-Betrieb aus?

Irlenbusch Er braucht genau diese Kundennähe. Aber auch die Bereitschaft, sich auf die sich wandelnde Technik einzulassen. Dafür ist ein hoher Veränderungswillen nötig - und die Möglichkeit, das alles auch bezahlen zu können.

Natürlich gibt es immer auch schwarze Schafe - woran können Kunden diese erkennen?

Irlenbusch Das geht nicht. Ich wäre froh, wenn ich einen Ganoven direkt an der Nase erkennen könnte... Es gibt aber im Kfz-Gewerbe bei der Kreishandwerkerschaft und der Kfz-Innung verschiedene Stellen, an die sich Kunden wenden können, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen. Wir versuchen dann, auf den Betrieb einzuwirken und dem Kunden zu helfen. Dieses Netzwerk gibt es für alle Meisterbetriebe, die in der Kfz-Innung geführt sind.

195 neue Azubis im Kfz-Gewerbe im neuen Ausbildungsjahr im Bergischen Land - sind Sie mit dieser Zahl zufrieden?

Irlenbusch Ganz klar ja! Es zeigt, dass wir im Handwerk weiterhin unheimlich stark unterwegs sind. Der Beruf ist nach wie vor sehr attraktiv für die Jugendlichen - gerade auch in einer Zeit, in der man viel über Digitalisierung nachdenkt. Die Zahl ist übrigens seit vielen Jahren sehr stabil.

Kann das Kfz-Gewerbe das Potenzial der jungen Flüchtlinge nutzen?

Irlenbusch Wir sind sehr aktiv dabei, die Flüchtlinge immer wieder in Praktika zu integrieren. Unabdingbare Voraussetzung hierbei ist aber, dass sie die Sprache lernen und uns verstehen, wenn wir mit ihnen reden. Man darf das nicht zu blauäugig sehen - es sind große Herausforderungen zu stemmen. Aber wir helfen in großen und kleinen Betrieben, die Menschen in Deutschland zu integrieren.

Sind diese Prognosen zufriedenstellend? Ist des Deutschen liebstes Kind noch immer das Auto?

Irlenbusch Man sieht an der hohen Zahl der Gebrauchtwagen, dass diese ein riesiger Markt für uns sind. Es kommen Menschen, die ein günstiges Auto brauchen. Aber auch im Neuwagenbereich gibt es viele verschiedene Möglichkeiten - Tageszulassung, Vorführwagen... Ich habe vor kurzem eine Umfrage gehört, nach der das Auto gar keinen so hohen Stellenwert mehr hat. Unser Problem ist aber die Mobilität, gerade im Ländlichen. Insofern glaube ich, dass es vielleicht nicht mehr das allerliebste Kind ist - aber das Kind, das wir sehr lieben, wenn wir Mobilität benötigen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE WOLFGANG WEITZDÖRFER.

(RP)