Wermelskirchen: "Die Judenbank" bringt die Nazi-Zeit auf den Punkt

Wermelskirchen: "Die Judenbank" bringt die Nazi-Zeit auf den Punkt

Der Kulturverein brachte das Theaterstück "Die Judenbank" auf die Bühne des "Film-Ecks".

Der Weg nach Hause wog schwer - gedankenschwer. Das Theaterstück "Die Judenbank" von Reinhold Massag wirkte nach. Das Ein-Personenstück mit Lars Wild ließ einen so schnell nicht mehr los. Lars Wild verkörperte die Figur des auf den ersten Blick einfältig gestrickten Dominikus Schmeinta und darüber hinaus noch sieben weiter Charaktere. Das Stück spielt in jener Zeit, in der "Rommel deutsche Panzer mit der Mündung nach vorne nach Afrika exportierte" (Schmeinta).

Es ist die Zeit der Nazis, des Kadavergehorsams und des Rassismus'. Kritische Gedanken dagegen können tödlich enden. Schmeinta macht sich Gedanken über alles, was passiert. Er sieht den alltäglichen Wahnsinn in seinem kleinen Dorf. Seine Leben: erst Knecht, dann schwerstbehindert durch Muskelschwund und jetzt Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt. Warum?

Er durfte sich von heute auf morgen nicht mehr auf seine Lieblingsbank setzen. Ein Schild mit der Aufschrift "Nur für Juden" machte es ihm unmöglich. Und jetzt beginnt er laut zu denken: "Was soll das? Wo es doch keine Juden nicht gibt in unserem Dorf?"

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Gesetzestreu wie er nun mal ist, lässt er einen Brief an den Führer Adolf Hitler schreiben, er wolle Jude werden, um sich wieder auf seine Bank setzen zu dürfen. Das klingt nach dem bauernschlauen Schweijk, der durch seine Trotteligkeit den Militarismus entlarvt. Doch Schmeinta geht noch weiter: Mit einer schlichten mehrdeutigen Offenheit ohne Klamauk stellt er mit seiner Sicht auf die Personen in seinem Dorf ein ganzes System an den Pranger.

Lena denunziert ihren Ehemann Hermann, der daraufhin ins KZ abtransportiert wird. Ihr Ehebett wird so frei für den Bürgermeister, Hitlers Stellvertreter im Dorf. Dieser Hurenbock macht auf der anderen Seite im besoffenem Kopf seine Frau zur Sau, weil sie regelmäßig in die Kirche geht. Das schade "seiner Karriere". Und so wird offenkundig: Die Menschen benutzen ihre völkische Gesinnung, um mithilfe der verbrecherischen Nazi-Ideologie ihre eigenen Machtgelüste zu befriedigen. Es sind stets ganz konkrete Personen, die hinter dem Denkmantel einer Institution - Staat, Amt, Gesellschaft - unmenschlich handeln. Wer traute sich wohl damals, sich neben einen Juden auf eine Bank zu setzen? Das erinnert fatal an der Alexander Gauland zugeschriebenen Äußerung, die Leute wollten den Fußballspieler Boateng nicht als Nachbarn haben. Weil er ein Schwarzer ist. Sind wir schon wieder so weit gekommen?

Lars Wild verkörperte den aufrichtigen Einfaltspinsel Dominikus Schmeinta so grandios, dass diese Figur den damaligen Zeitgeist in die Neuzeit transportierte. Mehr davon! Schön, dass der Kulturverein auch Stücke bringt, die über Boulevard hinausgehen. Auch wenn dann der Weg nach Hause schwer wird.

(bege)
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