Der Jugendbereich in der Katt ist neu gestaltet.

Wermelskirchen : Ein Bereich zum Spielen und Lesen

In der Katt gab es „Karaoke-Lesen“, um den neuen Jugendbereich einzuweihen. Leseförderer Frank Sommer machte Vorlesen zum „Happening“.

„Ihr seid mehr oder weniger zwangsweise hier“, begrüßt Frank Sommer sein Publikum, „ich freue mich trotzdem.“ Gemeint sind die Schüler der Realschule und der Sekundarschule Wermelskirchen die gemeinsam mit ihren Lehrern in den Stuhlreihen des Veranstaltungsraumes der Stadtbücherei Platz genommen haben.

Wer Bücher liest, möchte der Leseförderer von Eventilator, einer „Leseförderagentur“ wissen. Zögernd heben sich ein halbes Dutzend Hände in den vorderen Reihen. „Manche schauen jetzt aber sehr entsetzt“, reagiert Sommer humorvoll auf die ausbaufähige Resonanz. Und was ist mit Zeitungen? Niemand. Ein ernüchterndes Ergebnis.

Lesen denn Jugendliche allgemein heutzutage weniger? Ganz im Gegenteil. „Die Auswahl der Lesemedien ist wahnsinnig groß“, weiß Frank Sommer. Neben Büchern und Zeitschriften zählen auch Smartphones – sogar Milch- und Joghurtverpackungen dazu. „Im Schnitt lesen wir mindestens sechs Stunden pro Tag“, erklärt er. Normalerweise liest jeder für sich – das will Sommer nun ändern. „Karaoke-Lesen“ heißt die Veranstaltung und auch das Konzept. Statt Songs in einer schummrigen Kneipe, sollen die Jugendlichen verschiedene Jugendbücher „performen“ wie Sommer es nennt.

In kleinen Gruppen nehmen die Jugendlichen auf der Bühne Platz und lesen abwechselnd wenige ausgewählte Seiten aus einem Buch vor. Der Text ist gleichzeitig auf eine Leinwand projiziert, sodass die Zuschauer ebenfalls mitlesen können. Rahel wagt es, als erste auf die Bühne zu gehen. „Eine Riesenapplaus für unsere erste Vorleserin“, animiert Sommer die Zuschauer. Zwei weitere Mädchen folgen. Als die Vorleserin den ersten Satz liest, wird es dann schlagartig still. „Denn wir bewegen uns beim Lesen in eine andere Welt“, verspricht der Moderator

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Die Veranstaltung ist der erste Baustein des Projekts „Jugendbereich einrichten“ der Stadtbücherei. Denn einen richtigen Bereich zum Aufenthalt hatten die Jugendlichen in der Katt bisher nicht. Nun sind die Jugendbücher in einem klar abgetrennten Bereich gesammelt. Neue Lesemöbel laden zum Schmökern ein. Das Projekt konnte durch Fördermittel vom Land NRW realisiert werden. Zirka 80 Prozent des notwendigen Budgets erhielt die Bücherei vom Land. Davon wurden nicht nur Sitzmöbel angeschafft, sondern auch neue Jugendbücher, Spiele für Wii und die Nitendo Switch sowie eine eigene kleine Spielekonsole, auf der man gegeneinander Minispiele spielen kann.

Dahinter steckt ein Konzept. „Bibliotheken wandeln sich von reinen Ausleihen zu Lernorten und Treffpunkten“, weiß Leiterin Kathrin Ludwig, „die Katt ist schon seit vielen Jahren ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität, auch dank der attraktiven Industrie-Architektur.“ Trotzdem müsse man dafür sorgen, dass der Ort attraktiv bleibt – und für Berührungspunkte zwischen Mensch und Buch sorgen. Denn Lesen entführt nicht nur in fremde Welten. „Wer gut lesen kann, der kann gut rechtschreiben“, weiß der Erste Beigeordnete Stefan Görnert. Und er erklärt: „Die Durchlässigkeit der Bildungschancen ist in Deutschland ausbaufähig im Vergleich mit anderen europäischen Ländern.“ Bücher erweitern den Horizont. „Und Lesen befähigt auch, zusammenhängende Texte zu verstehen. Leider nehmen auch Erwachsene sich heutzutage viel weniger Zeit, um zu lesen, so Görnert, der sich erst vor Kurzem eine gemütliche Leseecke in seinem Zuhause eingerichtet hatte.

Sich die Zeit nehmen zu lesen, noch besser: vorzulesen, denn Bücher können sich im Unterhaltungswert durchaus gegen digitale Angebote behaupten. Das zeigt Frank Sommer beim Karaoke-Lesen den jugendlichen Besuchern. Und die lassen sich von den Buchstaben, Wörtern und Sätzen vereinnahmen. Hören zu, lassen ihre Fantasie die Bilder entstehen. Die nächsten Vorleser sind darum schnell gefunden. Alle tauchen wieder ab, in die nächste spannende Welt, wenn Zeichen zu Wörtern und Wörter zu Geschichten werden.

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