Wermelskirchen: Der große Mahner

Wermelskirchen: Der große Mahner

Hagen Rether legt in der ausverkauften Kattwinkelschen Fabrik alle zehn Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Das tut weh - ist aber notwendig und wichtig.

Der Vorhang im Bühnenhintergrund öffnet sich kurz, der Mann in Schwarz betritt die Bühne - und setzt sich direkt in seinen Bürostuhl. Von dort wird er sich für die kommenden Stunden am Samstagabend in der ausverkauften Kattwinkelschen Fabrik nur einmal noch zur Pause erheben. Das Bühnenbild ist denkbar schlicht - und herrlich gegensätzlich: der schwarze Flügel mit den vier Bananen und dem Bürostuhl. Der lange Pferdeschwanz und der schwarze Anzug. Der leise, teils beinahe gelangweilte Tonfall und die bitterbösen Aussagen. Rether gehört nach den Bühnenabschieden von Volker Pispers und Georg Schramm zu den wichtigsten politischen Kabarettisten der Republik. Denn er legt nicht nur einen, sondern gleich alle zehn Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Was in Zeiten von Hass, AfD und CSU-Leitkultur wichtiger den je ist.

Rether ist ein großer Mahner, der lakonisch in seinem Bürostuhl sitzt und in zehn Minuten darlegt, warum "Herr Söder" mit seiner Vorstellung der "deutschen Leitkultur" auf dem falschen Weg ist. Er freut sich, dass Deniz Yücel wieder frei ist, findet es aber "überheblichen Schwachsinn", dass die Regierung gesagt hat, dass man sich von der Türkei nicht erpressen lasse: "Jeder erpresst jeden, so gut er kann. Globalisierung heißt das Spiel. Wir lassen uns von den USA erpressen und von Saudi Arabien - "warum dann nicht von der Türkei?"

Auch die Geheimdienste sind ihm ein steter Quell der "Freude": "Die kriegen alles raus. Obama ist gar nicht Obama, der ist Wallraf." Und dass es bei der Bundeswehr Nazis gebe, hätten die auch rausgefunden: "Da war ich von den Socken. Da kann man nur heilfroh sein, dass die dort keine funktionierenden Waffen haben."

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Nach 70 Minuten ist dann die erste der Bananen dran, die auf dem Flügel liegen - auch das ein schöner Running Gag eines jeden Rether-Auftritts: "Das sind übrigens Bio-Bananen, die sind mit einem Flugzeug voll Rapsöl über mir abgeworfen worden. Ich liebe solche Paradoxons. Die Frankfurter Rundschau hat mal über mich geschrieben, ich sei ein hoffnungsloser Optimist."

Denn Rether beschäftigt sich ausgiebig mit dem Irrsinn dieser Welt. Daher kommt er auch von Höcksken nach Stöcksken, von den sogenannten besorgten Bürgern zur Globalisierung mit Amazon, Google & Co. Das Verhalten von Ersteren könne er nicht nachvollziehen: "Deswegen muss man sich doch nicht benehmen wie die Axt im Walde. Das hab ich von meinen Eltern nicht gelernt: Wenn die besorgt waren, haben sie keine Häuser angezündet." Und zum Thema Amazon musste er an seine Leib- und Magenbuchhandlung denken: "Da klebt ein Aufkleber auf der Toilette: Diese Toilette ist für unsere Kunden. Die Kunden von Amazon gehen bitte bei Amazon."

Rether ist der Meister der Lakonie. Er schaffte es, dass trotz fast vierstündigen Programms sein Vortrag nicht langweilig wurde. Drohte er doch bei einem Thema zu lange zu verweilen, warf er flugs die immer wiederkehrende Frage ein: "Haben Sie Winterreifen drauf?" So absurd das im ersten Moment schien - es diente letztlich der geistigen Gesundheit. Denn auch ein großer Mahner darf den Bezug zur Realität nicht verlieren. Sonst war's das irgendwann mit dem Mahnen. Und das wäre wirklich fatal.

(RP)