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Wermelskirchen: "Dem Frieden nie getraut"

Wermelskirchen : "Dem Frieden nie getraut"

Die Künstlerin und Lehrerin Marie-Louise Lichtenberg empfindet angesichts der neuerlichen Gräueltaten der Rechtsradikalen eine bittere Bestätigung ihrer Arbeit. Seit 1990 kämpft sie gegen Hass und Intoleranz.

Die neu entflammte rechtsradikale Gewaltszene schockiert die Wermelskirchener Künstlerin und Lehrerin Marie-Louise Lichtenberg und bestätigt sie zugleich auf bitterböse Art in ihrer Arbeit gegen das Vergessen.

Seit 1990 kämpft die engagierte Frau in ihrer Arbeit mit der Jugend, in Ausstellungen und zuletzt auch in einem Buchprojekt mit Zeitzeugen gegen Hass und Intoleranz, gegen Fremdenfeindlichkeit: "Es wäre mir lieber, meine Arbeit wäre jetzt getan, aber ich habe dem Frieden nie wirklich getraut", gibt Lichtenberg bitter zu. Grund für die Kämpferin, auf die Anfänge ihres Engagements zurück zu schauen. Denn die sind durch den aktuellen rechtsradikalen Terror wieder genauso aktuell wie Anfang der 1990er Jahre.

Neo-Nazis die Stirn geboten

Für Marie-Louise Lichtenberg begann alles im Jahre 1990 bei einer Klassenfahrt nach Norddeutschland: Ausländische Schüler aus ihrer Klasse wurden von Neo-Nazis überfallen und verprügelt. Sie selbst stellte sich den Skin-Heads entgegen, wurde ebenfalls bedroht, bot ihnen aber tapfer die Stirn. "Ich kam mir vor wie eine Maus vor den Löwen", erinnert sie sich noch lebhaft.

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Und sie beschloss: Sie wollte ihren Beitrag dazu leisten, dass wieder hingeguckt, dass nicht vergessen wird, was an rechtsradikalen Verbrechen war und ist. 1994 schuf Lichtenberg dann mit Schülern aus 14 Nationen, die die damalige Schwanenschule besuchten, eine Plakatwand gegen Rechts, der auch Postkarten folgten. Dieses Plakat, nach dem sie aus aktuellem Anlass auch wieder gefragt worden ist, gibt es jetzt wieder bei der Künstlerin zu bestellen.

Sehr anschaulich zeigt es, dass die Handflächen der Schüler, egal welcher Nation, eigentlich alle nur Hände von Menschen sind: Es gibt keinen Unterschied, nicht mal einen farblichen, denn sie sind auf dem Plakat alle grün. Dieses Projekt war für Marie-Louise Lichtenberg der Anstoß für ein immer weitere Kreise ziehendes hochpolitisches, künstlerisches Schaffen.

Im Jahr 2000 folgte ihre Fotoausstellung "Menschen", die sie bis 2002 in sieben deutschen Städten zeigt. 52 Farbfotografien von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft, Religion und Nationalität vereinte sie eindrucksvoll. Paul Spiegel, aber auch der noch blutjunge Politiker Christian Lindner gehörten zu Lichtenbergs Menschenbildern. "Götter, Gräber, Kulturen", war dann der Titel ihrer nächsten Ausstellung über die Religionen der Welt, dargestellt im Werben um Toleranz und Verständnis. Es folgte die Wanderausstellung "Menschliche Vielfalt", mit Fotografien auch von Günter Grass oder dem Auschwitz-Überlebenden Hugo Höllenreiner.

Nicht aufhören zu erinnern

Auf diesen Zeitzeugen folgten dann so viele, auch im Ausland, die Lichtenberg sprach und fotografierte, dass daraus schließlich ihr Zeitzeugenprojekt "Zwischen Glück und Grauen" mit Buch und Ausstellung wurde. Und es ist nicht abgeschlossen: Zum einen, weil sie ihre sechssprachige Dokumentation jetzt auch ins Ausland bringt. Frankreich wird die erste Station sein. Zum anderen aber auch, weil sie nicht aufhören darf, zu erinnern und genau hinzuschauen.

(RP/rl)