Serie Mein Arbeitsplatz: "Dann bin ich auch mal Tante Ursel"

Serie Mein Arbeitsplatz: "Dann bin ich auch mal Tante Ursel"

Melanie Hauck macht ihre Arbeit bei der Diakoniestation aus Überzeugung. Sie bringt viel Respekt für die Menschen mit.

Wermelskirchen Es ist schon die sechste Haustür, die Melanie Hauck an diesem Morgen mit ihrem großen Schlüsselbund öffnet. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, aber die Altenpflegerin ist seit 6 Uhr unterwegs. Freundlich klopft Melanie Hauck an die Wohnungstür der alten Dame, kündigt sich an und blickt dann fröhlich um die Ecke. Die Mitarbeiterin der Diakoniestation wird schon erwartet. Viele Worte verlieren die beiden Frauen nicht. Melanie Hauck zieht ein frisches Paar Einmalhandschuhen an und begleitet die Dame ins Badezimmer.

Später wird sie erklären, dass die Handschuhe ein Zeichen des Respekts gegenüber den Kunden sind, dass sie ihnen so den Abstand gewährt, den sie brauchen. Es ist ein persönlicher Moment, wenn die Menschen ihre Kleidung ablegen. Aber für Melanie Hauck beginnt dann ihre Arbeit. Manchmal hält sie nur die Seife, reicht das neue Hosenbein an oder wäscht den Waschlappen aus. Hand in Hand arbeiten die Krankenpflegerin und ihre Kunden zusammen. Was die alten Menschen selber schaffen, übernehmen sie auch selbst. "Wir sind ein Team", sagt Melanie Hauck, "und es ist mir wichtig, die Ruhe und Zeit mitzubringen, die die Menschen brauchen."

Die Arbeit in dieser Wohnung ist schnell erledigt. Wie ein eingespieltes Team haben die alte Dame und die Pflegerin den Start in den Tag gemeistert. "Bis morgen", ruft Melanie Hauck noch, bevor sie wieder Richtung Auto unterwegs ist. Hier werden die Daten in das Handy eingegeben, jeder Schritt dokumentiert, so dass die Übergabe reibungslos funktionieren sollte.

Melanie Hauck genießt die Fahrt zum nächsten Kunden. Zeitdruck lässt sie nicht zu, den Takt bestimmt sie selbst. "Wenn ich den Eindruck habe, dass Menschen über etwas reden wollen, dann nehme ich mir die Zeit", sagt sie, "auch wenn es eigentlich nur ein kurzer Pflegebesuch ist." Sie wisse, dass die ambulante Pflege manchmal der einzige Besuch des Tages sei. "Eile ist da völlig fehl am Platz", sagt sie, bevor sie die nächste Tür öffnet.

Der alte Herr ist dement, die Pflege aufwendig. Seine Frau, die mit 87 Jahren sonst die Fäden zusammenhält, musste überraschend ins Krankenhaus. "Einen Platz in der Kurzzeitpflege gab es nicht", sagt der Sohn. Die Not war groß, schließlich sprang er selbst ein. Aber ohne den ambulanten Pflegedienst am Morgen und am Abend wäre er aufgeschmissen. Melanie Hauck streicht dem alten Herrn freundlich über den Arm. "Dann wollen wir mal", sagt sie, und die beiden machen sich auf den Weg ins Bad. "Ich möchte die Menschen dort abholen, wo sie gerade sind", sagt die 47-Jährige. Werden Menschen aggressiv, spricht sie ein offenes Wort. Schicken Kunden sie weg, geht sie. "Und wenn sie mich für Tante Ursel halten, bin ich halt auch mal Tante Ursel", sagt Melanie Hauck. Sie sei der Gast und bringe viel Respekt für die Menschen hinter den Türen mit. Kaum einer vergisst das "Dankeschön". Manchmal wartet sogar ein Schokoriegel in einer Schale am Ausgang auf die Pflegerin. Die Kunden wissen ihren Einsatz zu schätzen. Sie plaudern über Kinder und Enkelkinder, über das Wetter und Erinnerungen an alte Zeiten.

Melanie Hauck erzählt von ihrem Sohn, von Scherzen in der Schule und Klassenarbeiten. Und sie weiß: Am nächsten Tag werden die Menschen fragen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Ja, die Arbeit sei manchmal hart, sagt Melanie Hauck, die erst eine kaufmännische Ausbildung machte und dann umschulte. "Aber Menschen werden eben alt und kommen in die Situation, Hilfe annehmen zu müssen", sagt sie, "das erfordert viel Mut." Und genau dann wolle sie die Hand reichen, ihnen Sicherheit geben und das Vertrauen, dass sie auch am nächsten Morgen bei ihnen klingelt.

(resa)