Landschaftspflege in Wermelskirchen Kulturpflege in der Baumkrone

Dabringhausen · Die Gruppe „OBSD“ setzt sich in Dabringhausen für Streuobstwiesen ein – auch um alte Sorten zu erhalten. Die Ehrenamtlichen klettern in Bäume und stellen eine Obstbaum-Datenbank auf die Beine.

Einsatz am Apfelbaum: Heiko Faubel, Sofia Bengel, Roland Steiger und Michael Selbeck (v.l.) von der Gruppe „OBSD“.

Einsatz am Apfelbaum: Heiko Faubel, Sofia Bengel, Roland Steiger und Michael Selbeck (v.l.) von der Gruppe „OBSD“.

Foto: Theresa Demski

Eine seiner ersten Entdeckungen waren die Obstbäume. Damals war Roland Steiger gerade mit seiner Frau ins Bergische gezogen und entdeckte an den Rändern der bergischen Wälder die alten Streuobstwiesen. Stolze Apfelbäume in voller Blüte, die später Früchte trugen, die niemand aufsammelte. Er sah Obstwiesen, die nur noch wage von den goldenen Zeiten erzählten, in denen die Bäume die Menschen versorgt hatten. Und er litt mit den vernachlässigten Gewächsen, die ihren Glanz verloren hatten, weil sie auf ihren Wiesen unbeachtet blieben. „Das war hier mal die bergische Obstkammer“, sagt Steiger und deutet auf die Wiesen und Felder rund um Dabringhausen. Damals beschloss er: Wenn er mal im Ruhestand angekommen wäre, dann würde er sich intensiv um diese Streuobstwiesen kümmern.

Inzwischen hat er tatkräftige Mitstreiter gefunden und schon 2020 mit Jürgen Schulze und Michael Müller die Gruppe OBSD gegründet – „Obst Bäume Schneiden in Dabringhausen“. Heute gehört die Gruppe zum Verein „Miteinander in Dabringhausen“ und hat schon etliche Bäume unter die Lupe genommen, geschnitten und gepflegt und ihren Verfall erst einmal verhindert. Gelegentlich sprechen die Freiwilligen die Eigentümer der Wiesen an, immer öfter kommen auch Interessierte auf die Gruppe zu und bitten um Unterstützung. „Manche sind sehr offen, andere wollen Fremde nur ungern auf ihre Flächen lassen“, sagt Steiger. Aber inzwischen hat die Gruppe „OBSD“ alle Hände voll zu tun.

„Am Anfang steht immer die Bestandsaufnahme“, erklärt Sofia Bengel. Die Freiwilligen arbeiten mit einem Luftbild der Fläche, geben jedem Baum eine Nummer und erstellen Tabellen. Von der Zustandsbeschreibung bis zur Sortenbestimmung: Die Daten finden ihren Weg in eine Art Kataster. „So entsteht nach und nach eine Streuobstwiesen-Datenbank“, erklärt Steiger. Das Ziel der Gruppe: In fünf Jahren sollen 80 Prozent der Bestände in und um Dabringhausen in dieser Datenbank zu finden sein. „Die nächste Generation muss dann nicht bei Null anfangen“, sagt Michael Selbeck, „und wir dokumentieren die Entwicklung der Bäume.“ Denn die Freiwilligen bleiben am Ball: Nach der Bestandsaufnahme folgt meist eine „Erste Hilfe“ für den Baum. In den Wintermonaten treffen sich die Ehrenamtlichen dann zum Schneiden. „Wir bringen viel Erfahrung mit“, sagt Sofia Bengel. Viele der Freiwilligen haben auch inzwischen Seminare für den Baumschnitt besucht. „Und wir lernen immer noch dazu“, ergänzt sie dann. Die Unsicherheit, falsch zu schneiden, sei der Erkenntnis gewichen: „Kaum etwas sei schlimmer, als nichts zu tun“, sagt Steiger. Denn wenn die Äste der Bäume erstmal brechen, würden Keime und Krankheiten sich ihren Weg suchen. Die Bäume seien dann oft verloren. „Also ist es wichtig, dass wir jetzt handeln, bevor es zu spät ist“, sagt Sofia Bengel.

Die ersten Erfolge können die Freiwilligen von OBSD bereits erkennen: „Wir müssen immer ein Jahr warten, um zu sehen, ob wir wirklich erfolgreich waren“, sagt Steiger und erinnert an die verschiedenen Phasen, die ein Baum im Laufe des Jahres mitmacht. Auch während dieser Zeit begleiten die Ehrenamtlichen die Bäume. „Den ersten Streuobstwiesen geht es wieder richtig gut“, haben sie festgestellt. Und im vergangenen Jahr wurden sie zudem von einer großzügigen Ernte belohnt.

„Viele ältere Leute schaffen es gar nicht mehr, die Bäume abzuernten und überlassen uns die Früchte“, erzählt Sofia Bengel. Auf einer Streuobstwiese in „Alte Heide“ zum Beispiel schüttelte OBSD im vergangenen Jahr die Äpfel von den Bäumen, sammelte sie ein und verwandelte sie in Apfelsaft, Mus und Kuchen. „Kaiser Wilhelm, Schöner aus Burscheid, Blauer Kölner: Das sind ganz seltene Sorten, die es sonst nirgendwo gibt“, schwärmt Sofia Bengel. Die einen lassen sich sofort verspeisen, die anderen sind für die Weiterverwendung geeignet. „Da steckt so viel Kulturgeschichte und Wissen in den alten Sorten. Das sind richtige Schätze“, schwärmt die Ehrenamtliche.

Und genau das gelte es zu erhalten: Da sind sich die Freiwilligen einig. Dazu kommt, dass die Streuobstwiesen zwischen Wohn- und Waldgebieten ein wertvolles Biotop für unzählige Lebeweise seien, ergänzt Steiger und erinnert an Insekten, Bienen und Vögel. Und nicht zuletzt gehe es bei der Arbeit ja auch um Landschaftspflege. „Diese Obstwiesen machen das Bergische Land auch aus“, sagt Selbeck, „ohne sie würde uns etwas fehlen.“ Also rücken die Ehrenamtlichen weiter mit Fotoapparat und Bleistift, Hand- und Kettensägen, Hochentastern und Leitern an – um hoch oben in den Baumkronen Kulturpflege zu betreiben.

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