Geschichtsverein in Wermelskirchen Als Bergische Musketiere Napoleon bei der Schlacht von Waterloo trafen

Wermelskirchen · Kriegsgeschichte stand beim Vortrag von Dr. Dirk Ziesing im Eifgen auf dem Programm – samt Waffenkunde und heimischen Biografien. Der Geschichtsverein hatte eingeladen und freute sich über begeisterte Zuhörer.

Die Schlacht bei Waterloo vom 18. Juni 1815 war die letzte Schlacht Napoleon Bonapartes. Mehr als 53.000 Tote soll es bei dem Aufeinandertreffen der Alliierten auf die Franzosen gegeben haben.

Die Schlacht bei Waterloo vom 18. Juni 1815 war die letzte Schlacht Napoleon Bonapartes. Mehr als 53.000 Tote soll es bei dem Aufeinandertreffen der Alliierten auf die Franzosen gegeben haben.

Foto: BGV Wermelskirchen

Er hatte gerade seinen 23. Geburtstag gefeiert als er plötzlich Napoleon gegenüber stand. Eigentlich hatte Daniel Hölterhoff ein beschauliches, wenn auch arbeitsreiches Leben als Siamosenweber in Hilfringhausen geführt. Dann war er als Musketier für das 28. Bergische Regiment verpflichtet worden und mit der preußischen Armee Richtung Frankreich aufgebrochen – später erhielt er ein Eisernes Kreuz als Anerkennung für seinen Einsatz. Viele bergische Jungs marschierten an seiner Seite.

„Die Preußen haben den westfälischen und bergischen Truppen viel zu verdanken“, sagt Dr. Dirk Ziesing mit Blick auf die entscheidenden Schlachten der Befreiungskriege zwischen dem 15. Juni und dem 3. Juli. Napoleon Bonaparte kämpfte damals um den Erhalt der französischen Vorherrschaft über große Teile des europäischen Kontinents. Bekanntlich gewannen die Alliierten. Die Schlachten in Ligny und Waterloo gingen in die Geschichtsbücher ein. Mittendrin kämpften Musketiere aus dem bergischen Land, junge Männer aus Wermelskirchen, die die Freiheit Europas verteidigten.

Ziesing hat die Geschichten dieser Männer ausgegraben – und auf Einladung des Bergischen Geschichtsvereins (BGV) in Wermelskirchen am Donnerstagabend im Haus Eifgen vorgestellt. Burkhard Stock vom BGV freute sich über den guten Besuch – und über die Begeisterung im Publikum. Denn Ziesing hatte nicht nur biografische Daten mitgebracht, sondern auch einige Anekdoten, Bildmaterial und ein westfälisches Gewehr, mit dem die Soldaten einst in den Krieg zogen. Der Geschichtsexperte nahm die Zuhörer mit in die entscheidenden Tage der Befreiungskriege, reiste auf der Landkarte zumindest gedanklich in die damaligen Niederlande, nach Belgien und Frankreich und erzählte von Hauptmännern und Kriegsführern.

 Dr. Dirk Ziesing aus Bochum referierte im Haus Eifggen über das Thema: „Wermelskirchen und die Schlacht von Waterloo“.

Dr. Dirk Ziesing aus Bochum referierte im Haus Eifggen über das Thema: „Wermelskirchen und die Schlacht von Waterloo“.

Foto: Jürgen Moll

Dann nahm Ziesing das alte Gewehr zur Hand und ermöglichte den Besuchern so eine Ahnung vom komplizierten Laden der Schusswaffe. „Ein Vorderlader“, erklärte der Referent und deutete auf das historische Stück. Um überhaupt „Pulver auf die Pfanne“ zu bekommen, brauchten Soldaten ihre Schneidezähne – zum Aufreißen der Papierpatronen. „Es kam nicht selten vor, dass sich die jungen Männer die Schneidezähne ausschlugen, um nicht eingezogen zu werden“, erzählte Ziesing. Wer allerdings frische Wunden in seinem Kiefer gehabt habe, sei auf direktem Wege ins Gefängnis gewandert. Schließlich wurden die Soldaten an der Front gebraucht.

Im zweiten Bergischen Infanterie-Regiment trafen die bergischen Musketiere auf Leutnant von Schmeling, der sich vor allem in Ligny verdient machte, mehrfach angeschossen und mit einem Bajonettstich verwundet und schließlich für tot erklärt wurde. „In der Leichenhalle wachte er auf und machte sich mit letzter Kraft bemerkbar“, erzählte Ziesing, „ein verdammt zäher Kerl.“

Viele allerdings verloren auf den Schlachtfeldern ihr Leben. „Ihnen zu Ehren wurden auf königliche Anordnung nach dem Krieg in allen Dörfern des preußischen Reiches Gedenktafeln erstellt“, erzählte Ziesing und nahm die Besucher mit auf eine gedankliche Reise durch das Bergische Land. Jene Gedenktafeln finden sich bis heute in Velbert, Wuppertal oder Elberfeld, in Haan oder Odenthal. „Auch in Wermelskirchen wird es in der reformierten Kirche eine Tafel gegeben habe“, befand Ziesing. Denn auch viele Wermelskirchener ließen in den Befreiungskriegen ihr Leben.

Auf einer dieser Gedenktafeln in Radevormwald fand Ziesing auch den Namen „Johann Wilhelm Wild“ – und machte sich auf Spurensuche. „Nun ist Wild nach Wermelskirchen zu bringen ungefähr so, wie Eulen nach Athen zu tragen“, befand er schmunzelnd, hatte dann aber doch Neuigkeiten im Gepäck. Drei von vier Brüdern der Familie Wild fand Ziesing im Rahmen seiner Recherche zur Kriegsgeschichte: Johann Wilhelm Wild ließ sein Leben in den Befreiungskriegen, Bruder Christian Heinrich starb als bergischer Lanzenreiter in Russland.

Johann Adolph Wild überlebte den Krieg, arbeitete als Gastwirt und Konditor und ertrank 1863 nach einer Feier in der Wupper. Lediglich Bruder Conrad Wild, 1798 geboren, war noch zu jung für die Feldzüge. Er gründete 1830 eine Konditorei in Wermelskirchen und begründete damit die Firmengeschichte des heutigen Cafés.

„Wenn man heute bei Café Wild ein Stück Milchreistorte ist, lässt sich übrigens ebenfalls eine Verbindung zu den Feldzügen gegen Napoleon ziehen“, ergänzte Ziesing dann in einer seiner heiteren Anekdoten. Schließlich seien es die bergischen Soldaten in den preußischen Truppen gewesen, die den wertvollen Reis, der ihnen als Mittel gegen Durchfall zugeteilt wurde, mit Milch aufkochten und so eine bergische Delikatesse schufen.

Mit ehrlichem Applaus bedankten sich die Zuhörer bei dem Referenten für die ungewöhnliche Reise in die Vergangenheit. Burkhard Stock vom Geschichtsverein hatte dann nach dem Ausflug in die deutsche Kriegsgeschichte das letzte Wort: „Hoffen wir darauf, dass das neue Jahr friedlicher wird als das letzte.“

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