Serie 60 Minuten Im Ehrenamt: Betreuerin in der Dorf-Familie

Serie 60 Minuten Im Ehrenamt : Betreuerin in der Dorf-Familie

Gitta Rosenau ist ehrenamtliche Betreuerin in der Dabringhausener Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. Nach mittlerweile sechs Jahren ist ihr die kleine Familie sehr ans Herz gewachsen.

Wermelskirchen Wenn Gitta Rosenau das gelbgraue Gebäude am Hugo-Faßbender-Weg betritt, kommt Freude auf. Die zehn Bewohner zwischen 77 und 91 Jahren sitzen dann schon bei Kaffee und Kuchen am Wohnzimmertisch und warten auf sie. Die Begrüßung fällt herzlich aus - und das nicht nur für Gitta Rosenau. Denn seit einigen Jahren bringt sie an jedem der drei Besuchstage ihren Hund Vasco mit. "Er ist sozusagen der WG-Hund hier. Die Bewohner mögen es sehr, ihn zu streicheln und er findet das natürlich auch ganz toll", erzählt Rosenau. Die Betreuerin ist bei den Senioren aber ähnlich beliebt. "Frau Rosenau ist eine ganz liebe. Sie macht das hier sehr gut", sagt Hanna Reisiger, die mit 90 Jahren eine der ältesten Bewohnerinnen ist.

Während das Grüppchen beim Kaffeetrinken sitzt, erzählt Reisiger von ihrem 90. Geburtstag, den sie in diesem Sommer gefeiert hat. Gitta Rosenau war an diesem Ehrentag natürlich auch dabei und hilft zwischendurch gerne auf die Sprünge, wenn mal etwas von der Erinnerung fehlt. Zunächst etwas unsicher, blüht Hanna Reisiger bei ihrer Erzählung immer mehr auf. Erst Recht, als Rosenau ihr auch noch ein Fotobuch holt, dass die 90-Jährige von ihren Kindern bekommen hat. Darin sind alle Fotos von einem Rundflug über das Bergische Land zu sehen - ein Geschenk anlässlich ihres Jahrestags. "Das war ein ganz toller Tag, den ich auf keinen Fall vergessen werde", sagt Reisiger mit einem Augenzwinkern. Auch andere der Bewohner erinnern sich noch an diesen besonderen Geburtstag. "Bei ihrem Rundflug ist Frau Reisiger nämlich auch über die WG geflogen - und das ziemlich tief. Wir haben alle auf der Terrasse gestanden und ihr gewinkt", erklärt Rosenau. Das weiß auch Reisiger noch: "Und ich habe von oben zurückgewunken", sagt sie.

In ihrer freien Zeit malt Reisiger gerne und spielt zwischendurch Mundharmonika. Damit ist sie nicht alleine, auch ein anderer Bewohner spielt das Musikinstrument schon sein Leben lang. Während der Senior andere Dinge immer öfter vergisst, bereitet ihm das Spielen der Mundharmonika aber keine Schwierigkeiten. "Ich habe schon als Kind immer auf der von meinem Vater gespielt", erklärt er. Gitta Rosenau holt ihm das Instrument aus seinem Zimmer und schon legt er los. Kaum klingen die ersten Töne an, steigen die anderen Bewohner mit ein: "faria, faria, ho", schallt es durch das gemütliche Zimmer.

"Besonders an Dinge von früher können sich die Bewohner noch sehr gut erinnern. Lieder oder Sprichwörter vergisst man einfach nicht", erklärt Rosenau. Sie ist seit 2010 ehrenamtlich in der WG tätig, 2009 wurde diese eröffnet. Rosenau ist also fast seit Beginn an dabei und möchte ihre Arbeit dort nicht missen. "Wenn man dreimal in der Woche hier ist, wachsen einem die Menschen natürlich ans Herz. Hier in Dabringhausen ist das wie eine kleine Familie. Das finde ich toll", sagt Rosenau. Insgesamt neun Stunden in der Woche ist Rosenau in der WG zu Besuch. In dieser Zeit beschäftigt sie sich mit den Bewohnern, indem sie sich mit ihnen unterhält, manchmal Gymnastik macht, etwas vorliest oder das Gedächtnis trainiert. "Wichtig ist auch, die Menschen einfach mal in den Arm zu nehmen, um ihnen Nähe zu geben", sagt Rosenau.

Neben ihr arbeiten dort noch weitere ehrenamtliche Helfer sowie Pfleger der Diakonie, von denen immer zwei vor Ort sind. Rosenau betont aber, dass die WG nichts mit einem Altenheim zu tun hat. "Hier kann jeder bei alltäglichen Aufgaben mithelfen. Egal, ob Wäsche sortieren oder in der Küche mitkochen: Die Menschen können sich einbringen und bekommen dadurch das gute Gefühl, gebraucht zu werden und etwas beizutragen", sagt Rosenau. Natürlich sind nicht alle Phasen leicht bei der Arbeit, die sie sich ausgesucht hat. In den sechs Jahren, die sie in der Dabringhausener WG ist, sind 15 Bewohner verstorben. "Das ist natürlich schwer, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt", sagt Rosenau. Die Betreuer und Pfleger sprechen im Team darüber, um solche Erlebnisse zu verarbeiten. Ihre Arbeit gibt der Betreuerin selbst viel. Neben dem Spaß, den sie hat, nimmt ihr der Job auch die Angst vor dem Altern. "Man braucht keine Angst zu haben, wenn man später an einem Ort wie diesem ist", sagt die 65-Jährige. "So kann ich mir das Altwerden auch vorstellen. Man braucht keine Angst haben."

(kron)
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