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Bergisches Land: Urlaub vor der Haustüre wegen Corona

Urlaub im Bergischen Land : Ferienregion auf den zweiten Blick

Ferien in Deutschland könnten in der kommenden Saison für viele eine Alternative werden, Fernreisen im Sommer erscheinen zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Glück hat, wer in der Nähe eines Naherholungsgebiets lebt – im Bergischen Land zum Beispiel.

Von der Nord- und Ostsee hört man schon jetzt von einer gestiegenen Nachfrage, die auch die Preise mit sich nach oben zieht. Was aber ist mit dem Bergischen Land? Eigentlich nicht unbedingt das, woran die meisten bei Urlaub denkt – doch auf den zweiten Blick bietet es viel Erholsames: Natur, ausgiebige Routen zum Wandern und Radfahren, eine eigene traditionelle Küche. Unsere Redaktion hat sich in Wermelskirchen, Hückeswagen und Radevormwald umgehört – und tatsächlich: In der Region häufen sich die Anfragen – auch von ungewohnter Seite.

„Wir rechnen im Sommer mit einem deutlichen Zuwachs an Besuchern im Bergischen Land, wenn die Reisebeschränkungen ins Ausland weiterhin gelten“, sagt David Bosbach, Sprecher der regionalen Tourismusgesellschaft „Das Bergische“. Schon jetzt könne man ein deutlich gestiegenes Interesse feststellen – die Bestellung von Kartenmaterial etwa sei im April im Vergleich zum Vorjahr um 170 Prozent gestiegen. Auch die Zugriffe auf die App „Wanderland“, in der Das Bergische kostenlos Wander- und Radfahrrouten zur Verfügung stellt, seien im Zeitraum von Anfang März bis Ende April um 300 Prozent gestiegen. Das Überraschende: „Unsere Zielgruppe hat sich verändert, es sind jetzt vor allem auch viele junge Menschen, die in Großstädten wie Köln leben und sich für die nahegelegende Natur im Bergischen interessieren.“ Ob eben diese Menschen, die ihren Wohnsitz so nah haben, im Sommer aber auch im Bergischen übernachten werden, sei fraglich.

Gepflasterte Steine und Schieferhäuser mit grünen Schlagläden prägen den Stadtkern in Hückeswagen – genau wie in Radevormwald und Wermelskirchen. Foto: Dominik Ketz

In Wermelskirchen, Hückeswagen und Radevormwald halten sich die Nachfragen von Übernachtungsgästen für den Sommer bislang in Grenzen. „Wir haben überwiegend Tagestouristen, das ergibt sich eben auch aus der Nähe zu den Ballungsräumen“, sagt Florian Leßke, Tourismusbeauftragter der Stadt Wermelskirchen. Doch auch er verzeichne ein gestiegenes Interesse von Tagesurlaubern an Kartenmaterial, ebenfalls von jüngeren Menschen. Dass viele ihren Drei-Wochen-Urlaub im Bergischen verbringen werden, glaubt er nicht. „Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es in den kommenden Monaten mehr Kurz- und Wanderurlaube hier bei uns geben wird – wir haben ja noch viel Saison vor uns.“ Das ist ein Hoffnungsschimmer für die hiesigen Hoteliers und Vermieter von Ferienwohnungen, die sich momentan versuchen, über Wasser zu halten.

Der Bergische Panorama-Radweg verbindet ehemalige Bahntrassen. Foto: Dominik Ketz

Einer von ihnen ist Christian Warnke, der seit sechs Jahren gemeinsam mit seiner Frau das Hotel zum Schwanen führt. Geöffnet hat er zwar momentan, denn wie andere Hotels auch darf er Dienstreisende bei sich aufnehmen. Wie viele das sind, kann man sich angesichts sämtlicher abgesagter Veranstaltungen und ausfallender Dienstreisen ungefähr ausrechnen: „Wir haben nicht mehr als eine Handvoll Gäste pro Woche“, so Warnke. Seine sechs Mitarbeiter sind schon seit Ende Februar in Kurzarbeit, denn schon da wurden erste Messen abgesagt – die sind eigentlich sein Hauptgeschäft. Sollte der Tourismus kurzfristig wieder hochgefahren werden, wie es sich aktuell andeutet, könne er auch seinen Hotelbetrieb problemlos wieder hochfahren.

Eine von vielen Wanderrouten: Der Eifgenbachweg in Wermelskirchen. Foto: Dominik Ketz

Auch in Hückeswagen bereitet man sich auf das Wiedereinkehren von Touristen vor. „Alle Hoteliers, Anbieter von Ferienwohnungen und natürlich auch Gastronomen sind sehr engagiert – teilweise hängen da eben auch Existenzen dran“, sagt Heike Rösner, die für den Tourismus in der Schloss-Stadt zuständig ist. Sie bemerke, dass besonders an den Wochenenden viele Menschen unterwegs sind. „Die Kennzeichen von Autos, die Fahrräder hinten drauf haben, verraten, dass viele Leute auch von weiter her kommen – ich glaube, dass gerade die auch hier übernachten würden, wenn das wieder möglich ist.“

Das kann Markus Lietza bestätigen. Er vermietet Hückeswagens erste und bislang einzige Vier-Sterne-Ferienwohnung – meistens an Menschen aus dem Großraum Berlin. „Seit ein paar Tagen ziehen die Buchungen wieder an, erste schon für den Juni“, berichtet Lietza. Aufholen könne man die Verluste der vergangenen Wochen jedoch nicht mehr. Er hat seinen Gästen eine kostenfreie Stornierung oder Umbuchung angeboten, einige haben ihren Aufenthalt auf den Herbst verschoben. Jetzt nimmt er wieder Anfragen entgegen – unter der Prämisse, dass die Maßnahmen den Aufenthalt erlauben, andernfalls kann wieder kostenfrei storniert werden. An seinen Preisen ändert sich nichts, allein die Dauer des Aufenthalts muss er möglicherweise auf mindestens vier Tage festlegen. Denn es sei durchaus vorstellbar, dass die Wohnung zwischen den einzelnen Aufenthalten eine gewisse Zeit frei bleiben muss – um das Ansteckungsrisiko zu vermindern. „Kurzbuchungen würden sich in dem Fall einfach nicht lohnen.“

Und dass man durchaus auch ein paar Tage im Bergischen verbringen kann, macht Heike Ueberall, Tourismusbeautragte von Radevormwald, deutlich. „Für Sportler ist es perfekt, da man sich auf den endlosen Wander- und Radfahrwegen austoben kann und danach – wenn es denn wieder möglich ist – in der Sauna abschalten kann“, berichtet sie. Für Familien hätten besonders die Drasinen-Fahrt und bei schlechtem Wetter auch mal das Kino ihren Reiz. „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahliegt?“, fragt Ueberall. „Wenn alle an die Küste strömen und es dort überfüllt ist, will man dort ja auch nicht wirklich gerne sein.“

Mit stark steigenden Preisen müssen Urlauber in der Region wohl nicht rechnen – das sagt nicht nur Markus Lietza, sondern das bestätigen auch die anderen befragten Hoteliers und Tourimus-Experten. „Man muss ja auch mal an die Menschen denken, die Urlaub machen“, sagt Hotelier Christian Warnke. „Jeder hat in dieser Krise sein Päckchen zu tragen, viele sind in Kurzarbeit oder haben ihren Job verloren und könnten sich mit erhöhten Übernachtungspreisen erst recht keinen Urlaub leisten.“ Bislang ist aus den drei Städten noch keine Insolvenz eines Hotel- oder Gastronomiebetriebs bekannt – doch auch sie werden ihr Päckchen wohl noch einige Zeit tragen müssen.