Wermelskirchen: Auf die alten Tage neue Technik entdecken

Wermelskirchen: Auf die alten Tage neue Technik entdecken

Neuntklässler der Hauptschule greifen Smartphone-Anfängern im Haus der Begegnung unter die Arme. Die Nachfrage für das Angebot war riesig. Alle zwei Wochen trifft sich die "Selbsthilfegruppe". Es gibt schon eine Warteliste.

Eva-Maria Kierdorf besitzt seit vergangener Woche ein Tablet. Der kleine Computer allerdings gibt ihr noch viele Rätsel auf. "Für junge Menschen ist das alles ganz einfach", sagt sie, "aber wir haben doch gar keine Erfahrung damit." Und das will Eva-Maria Kierdorf nun ändern. Mal schnell ein Schnittmuster im Internet suchen. Fotos machen. Und vor allem nicht dumm da stehen und nicht weiter wissen. Deswegen hat Eva-Maria Kierdorf sich beim Aktionsnachmittag im "Haus der Begegnung" angemeldet: Eine Stunde lang helfen Neuntklässler der Hauptschule den Teilnehmern mit der modernen Technik. Das Interesse ist groß, mehr als 30 Rentnerinnen und Rentner nehmen das Angebot an, am Ende musste eine Warteliste erstellte werden, weil die Nachfrage so groß war.

Eva-Maria Kierdorf hat ihr neues Tablet im Gepäck und einen Notizblock. Der füllt sich schnell, als Jahn Müller an ihrem Tisch Platz nimmt. Der Schüler erklärt geduldig die Funktionen des Geräts, die Tasten und Möglichkeiten. Eva-Maria Kierdorf staunt nicht schlecht. "Wie bist Du denn jetzt dahin gekommen? Und wie kann ich das einstellen?" Der Neuntklässler geht so routiniert mit dem Computer um, dass er sich erst auf das neue Tempo einstellen muss. "Meiner Oma habe ich auch mit dem Smartphone geholfen", erzählt er, "das macht Spaß."

Und genau das hatte sich Schulsozialpädagogin Marlies Gajewski für ihre Schüler gewünscht. "Jetzt schlüpfen die Kinder mal in die Rolle derjenigen, die mehr wissen und können", sagt sie, "davon können doch alle nur profitieren."

Jahn Müller zumindest probiert gekonnt aus, erklärt höflich und führt dann stolz "Youtube" vor. "Wenn Ihnen mal langweilig ist, dann können Sie hier ein Video gucken", erklärt er und zeigt, wie es geht. Als plötzlich eine Nachrichtensprecherin auf dem Display erscheint, staunt Eva-Maria Kierdorf nicht schlecht. "Aber ich glaube, diese Funktionen brauche ich gar nicht", sagt sie dann, "ich will erst mal nur verstehen, wie das Ding überhaupt funktioniert." Nebenan sitzt Ursula Schmidt. Die 65-Jährige hat ihr Smartphone mitgebracht. "Damit komme ich im Grunde schon ganz gut klar", sagt sie. Aber weil sie eben nie richtig Englisch gelernt habe, seien ihre viele Begriffe in der digitalen Welt weiterhin ein Rätsel. "Hier darf ich alle dummen Fragen stellen", sagt sie und lacht.

Und so erklärt Schüler Noel Issel ihr, was eigentlich hinter "Instagram" steckt, was sich hinter "Apps" verbirgt und warum der "Home Button" ihres Smartphones sie wieder auf die Startseite bringt. "Dann verschwindet auch die Angst, falsche Tasten zu drücken", sagt Ursula Schmidt. Die Faszination der digitalen Welt hat sie längst gepackt. "Dazulernen? Immer!", sagt sie. Und dazu gehöre eben auch Smartphone und Tablet. Wenn ihr Mann abends Fußball gucke, dann nehme sie das Tablet, setze die Kopfhörer auf und gucke den "Bergdoktor". "Toll", sagt die 65-Jährige, "diese Möglichkeiten."

Und weil sie ahnt, dass davon noch viel mehr in ihrem Smartphone und ihrem Tablet stecken, will sie dran bleiben. Noel hat ihr sicherheitshalber seine Handy-Nummer gegeben - für den Fall, dass im Alltag mal eine Frage auftaucht. "Einfach anrufen", sagt der Neuntklässler forsch, "wir finden schon eine Lösung."

(RP)