Wermelskirchen: Als die Zwillinge den Schnee entdeckten

Wermelskirchen: Als die Zwillinge den Schnee entdeckten

Seit 2015 haben viele Flüchtlinge Wermelskirchen erreicht - auf der Suche nach Freiheit, Frieden, Sicherheit und Perspektiven. Einige von ihnen sind angekommen - mitten in der Gesellschaft. Zu ihnen gehört auch Familie Skaf aus Syrien.

Als die ersten dicken Schneeflocken fielen, da drückten Naya und Mohammed sich an den Fensterscheiben die Nase platt. "Es war so kalt, aber wir wollten sofort im Schnee spielen", erzählt die siebenjährige Naya und strahlt bei der Erinnerung an den Wintertag 2016. Genau wie ihr Zwillingsbruder spricht sie beinahe akzentfrei Deutsch und wechselt nur im Gespräch mit ihrer Mutter ins Arabische.

Als es im Winter 2016 in Deutschland schneite, da waren Naja und Mohammed gemeinsam mit ihrer Mutter Midia gerade aus dem Flugzeug aus Dubai gestiegen. Dort zeigt das Thermometer kaum mal Temperaturen unter 20 Grad an, fünf Regentage im Jahr sind üblich, Schnee völlig undenkbar. An diesem heißen Ort waren Naja und Mohammed geboren worden und aufgewachsen, nachdem ihre Eltern ihre Heimat Syrien verlassen hatten. "Eigentlich aus beruflichen Gründen", erzählt Assad Skaf (39). Aber 15 Jahre später konnten er, seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder nicht mehr zurück nach Syrien. "Der Krieg", sagt Assad Skaf leise, "wir hatten kein Zuhause mehr." Und weil ihnen als Christen das muslimische Dubai fremd geblieben war, sie für ihre Kinder keine Perspektiven sahen und sich Studienplätze, Arbeit und Zukunft für Naja und Mohammed wünschten, trat Assad Skaf 2015 die Flucht an - ohne seine Familie.

"Meine Frau und die Kinder sollten nachkommen, wenn wir Asyl in Deutschland bekommen würden", sagt der 39-Jährige. Es verging fast ein Jahr, bis er seine Frau, Naja und Mohammed wiedersah - bis seine Familie dank des Familiennachzugs mit dem Flugzeug in Deutschöand landete. "Ich habe ihn gar nicht wiedererkannt", erzählt Naya, "er war dünn, früher war er immer dick." Die Flucht, die harten Monate ohne die Familie, das einsame Lernen der Sprache und das Bangen um die Zukunft hatten Assad Skaf verändert. Aber dann hielt er seine Familie in den Armen und gemeinsam begannen sie ein neues Leben.

Inzwischen lebt Familie Skaf in einer Wohnung in Wermelskirchen. Er hat alle Sprachqualifikationen erreicht, die es gibt. Die Zwillinge gehen in die Schule, haben Freunde gefunden und eine neue Heimat. "Manchmal vergesse ich arabische Wörter", sagt Naya und staunt. Dafür lernt sie immer mehr Wörter der neuen Sprache. In Deutschland kam die kleine Mira zur Welt. Was sich Assad Skaf heute wünscht? "Dass meine Kinder irgendwann hier studieren können", sagt er, "dass sie eine Zukunft haben."

Und für seine Jüngste wünscht er sich einen Kindergartenplatz, damit seine Frau endlich Deutsch lernen kann. Mit Hilfe von Youtube und den Kindern spricht sie bereits einige Sätze. "Aber ich traue mich nicht, einkaufen zu gehen, weil ich etwas nicht verstehen könnte", sagt sie. Deswegen sei die Betreuung der kleinen Mira so wichtig, denn nur dann kann sie einen regelmäßigen Deutschkurs besuchen.

Und Assad Skaf? Er macht eine Ausbildung zum Busfahrer. "Ich bin studierter IT-System-Fachinformatiker", erzählt er. Er war erfolgreich in seinem Beruf. Aber nach einem Praktikum in Deutschland stellte er fest: "Die Sprache reicht noch nicht, um in meinem Beruf zu arbeiten". Also dachte er um, pragmatisch wie er ist. "Jetzt werde ich Busfahrer", sagt er und strahlt. Viel Kontakt mit Menschen, die ihm dabei helfen, noch besser Deutsch lernen. Einen sicheren Arbeitsplatz und eine Beschäftigung, die ihm Spaß macht. Den ersten Teil des notwendigen Führerscheins hat er bereits in der Tasche, 90 Fahrstunden hat er erfolgreich absolviert. Eine Prüfung steht noch aus. Dann hat er es geschafft.

"Wissen Sie", sagt Assaf Skaf, "wir haben eine Regel in unserer Familie: Wir sind nett zu den Menschen, höflich und hilfsbereit. Und genauso haben uns die Menschen hier auch empfangen." Viel Hilfe haben sie in Wermelskirchen erhalten. Nur manchmal beschleicht ihn diese schlimme Angst. Dass ihr Aufenthaltstitel, der noch befristet ausgestellt wurde, nicht verlängert wird. Dass seine Kinder dann in ein Land abgeschoben werden, das sie nicht kennen. Dass sie all ihre Chancen dann wieder verlieren.

(RP)