Weihnachtsgeschichten von den SiebenSchreibern Wegberg: Thekenbekanntschaft

Weihnachtsgeschichten von den SiebenSchreibern Wegberg : Thekenbekanntschaft

Weihnachtsgeschichten Renate Müller von der Wegberger Autorengruppe SiebenSchreiber schenkt den Lesern eine höchst wundersame Geschichte.

Es war ganz still. Und dann öffnete ich die Tür.“

„Und dann?“

„Wissen Sie was,“ sagt der Alte, „ich lade Sie zum Essen ein, hier und heute. Zu Gans, Rotkohl und Klößen. Einverstanden?“. Foto: SiebenSchreiber

„Was, und dann? Der Kühlschrank war leer.“ Ich schaue den weißhaarigen Mann neben mir strafend an. Mir kommen bei der Erinnerung an diesen Anblick beinahe die Tränen. Endlich sehe ich Mitleid in den Augen des Unbekannten, der heute außer mir der einzige Gast in meiner Stammkneipe ist. Und dem ich von meinem Elend erzähle.

„Sie armer Mann“, sagt er dann. Die Worte finden nur schwer den Weg durch seinen langen weißen Bart.

„Ja, genau“, gebe ich ihm Recht. „Alles leer, alles weg. Die Gans, der Rotkohl, der Sekt, nichts mehr da. Verstehen Sie das?“, frage ich ihn. Ich muss meinen Kummer in einem Schluck Bier ertränken.

„Wie kann Corinna mich verlassen? Gerade jetzt. Und noch die Gans mitnehmen? Habe ich denn keine Gefühle?“ Ich winke Knut hinter der Theke, mir noch ein Herrengedeck zu machen.

„Warum ist Ihre Frau denn weg? Mit der Gans?“, fragt der Fremde. Der Typ hat sehr helle Augen und sehr rote Wangen.

„Das müssen Sie sie fragen, nicht mich. Ich kann nicht verstehen, wie man mich verlassen kann.“ Ich tue mir so leid. „Was soll ich denn jetzt essen? Grade heute.“ Ich schniefe in mein Bier.

„Wissen Sie was?“, sagt der Alte, „Ich lade Sie zum Essen ein, hier und heute. Zu Gans, Rotkohl und Klößen. Einverstanden?“

Ich starre ihn an. Der Mann redet irre. „Guter Mann, hier gibt es doch keine Gans. Und schon gar keine Knödel und so was. Das ist eine Kneipe, kein Fünf-Sterne-Restaurant.“

Knut mischt sich ein: „Nee, sowas gibt’s bei mir nich. Ne Bockwurst oder ’n Käsebrot, das könnt ihr haben.“ Er zögert: „Vielleicht. Ich müsst erst mal gucken, ob überhaupt was da ist.“

Der Alte greift nach der fleckigen Karte, die auf dem Tresen liegt. „Wieso haben Sie keine Gans? Hier steht es doch in Ihrer Speisekarte: Gänsekeule, mit frischem Rotkraut und selbst gemachten Semmelknödeln.“ Er hält die Karte hoch, und Knut und ich schauen hin. Tatsächlich, da steht es. Knut starrt mit offenem Mund, und auch ich weiß grad nicht, was ich sagen soll.

„Es riecht auch schon so lecker“, sagt der Alte. Ich schnuppere. Er hat Recht, so gut und verlockend hat es hier noch nie gerochen.

„Dann immer her damit, Knut“, sage ich, während mir das Wasser im Mund zusammenläuft.

Knut sieht aus, als hätte er den Glauben an die Menschheit verloren, aber er geht in die Küche. Zwei Minuten später ist er wieder zurück, in den Händen zwei dampfende Teller.

Wir beginnen zu essen. Schweigen breitet sich aus.

Als ich wirklich keinen Bissen mehr hinunter bekomme, ergreift der Fremde wieder das Wort: „Ich muss jetzt weiter. Gehen Sie heim. Vielleicht wird ja alles wieder gut. Vielleicht ist Ihre Frau inzwischen zurückgekehrt.“

Ich starre ihn an, kann nicht glauben, was er da sagt. Aber dann denke ich an den Gänsebraten. Und beginne zu hoffen.

Er drückt mir meinen Mantel in die Hand und schiebt mich zur Tür.

Als wir aus der Kneipe treten, geht in der gesamten Straße die Weihnachtsbeleuchtung an.

Ich wende mich um. Doch der Fremde ist verschwunden.