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Wegberg: Schauspiel „Heilig Abend“, von Daniel Kehlmann, grandios von Euro-Studios Landgraf aufgeführt

Theaterabend in Wegberger Forum : Verhör als fiktive Grenzerfahrung

Im Schauspiel „Heilig Abend“ bildeten die Gewährleistung allgemeiner Sicherheit und die Wahrung von Menschenrechten einen spannungsreichen Kontrast.

Der Autor des Schauspiels „Heilig Abend“, Daniel Kehlmann, hat den Film „High Noon“ seit seiner Kindheit geliebt: Vor allem die darin angegebene für die Handlung bedeutsame Uhrzeit und das Erzähltempo in Echtzeit hatten es ihm angetan. Auch im Stück „Heilig Abend“, das jetzt im Forum Wegberg zu sehen war, spielte die Zeit eine entscheidende Rolle: Dem Verhörspezialisten Thomas (Wanja Mues) standen genau 90 Minuten zur Verfügung, um von einer Frau namens Judith (Jacqueline Macaulay) zu erfahren, ob sie um Mitternacht einen terroristischen Anschlag verüben will. Der jeweilige Zeitpunkt des Gesprächs wurde regelmäßig durch Einblendung der genauen Uhrzeit auf der Bühne im Forum gezeigt.

Wie sich im Laufe der Auseinandersetzung der beiden herausstellt, hatten die Polizisten zunächst ihren Ex-Mann als Hauptakteur in Verdacht: Die Beamten hatten ein Gespräch der beiden abgehört und fingen den Mann vor ihrer Wohnung ab. Doch ein Schriftstück in Form eines angeblichen Bekennerschreibens auf ihrem Computer, der noch nie mit dem Internet verbunden war, lenkt auch das Augenmerk auf Judith. Und so ist sie an Heiligabend auf dem Weg zu ihren Eltern von drei Männern aus dem Taxi geholt und in die Polizeistation gebracht worden. Dort trifft sie auf den Verhörspezialisten, während ihr Ex-Mann im Nebenzimmer seit vielen Stunden befragt wird.

Der Verhörraum war karg mit Bürostuhl und Telefon ausgestattet. Schmale, hohe Leuchtflächen spendeten phasenweise Licht. Und drei Türen führten zurück in die Außenwelt.

Die Informationen, über die der Ermittler verfügte, hatte er sich im Vorfeld neben dem Abhören auch durch Auslesen von Handydaten verschafft. Durch Telefonortung konnten die Zuständigen nachsehen, wo sich die Philosophie-Professorin Judith seit Kauf des Mobiltelefons aufgehalten hatte. Ebenso werteten sie die Telefondaten der Eltern aus. Das Verhör startete um 22.28 Uhr und Tempo und Nachdruck in den Fragen nahmen beständig zu, wobei die Befragte argumentativ sicher dagegen hielt und den Fragenden selbst mit Rückfragen konfrontierte. Dabei stellte sich den 262 Zuschauern der Konflikt zwischen dem Bestreben nach Herstellung allgemeiner Sicherheit und dem Anspruch auf die Wahrung aller Rechte gut erkennbar heraus.

Wie in George Orwells Klassiker „1984“ zu totaler Überwachung oder durch aktuelle Geschehnisse etwa durch Enthüllungen von NSA-Mitarbeiter Edward Snowden thematisiert, ging es unter anderem um die Frage, wie weit Überwachung gehen darf. Und im aktuellen Stück – eine Produktion des Euro-Studios Landgraf – sorgte der Feiertag zusätzlich für erschwerte Bedingungen: So befand sich Judiths Anwalt im Urlaub auf Island und erhielt sie ihre schriftlich festgehaltenen Rechte in unleserlicher Form von einer Vertretung.

Die Spannung stieg, bis die Uhrzeit schließlich mit 0.00 Uhr an der Wand erschien und nichts geschah. Das Publikum, das sich mit viel Beifall für das grandiose Spiel der Protagonisten im Forum Wegberg bedankte, hatte das Geschehen in einem Akt und in etwas weniger als 90 Minuten miterlebt und nahm viele gedankliche Anregungen mit nach Hause.