Wegberg: Lederfabrik Heinen sieht sich durch Starkverschmutzerzuschlag bedroht

Interview mit Thomas Heinen zum Starkverschmutzerzuschlag : „Ein Wegberger Traditionsunternehmen wird zerstört“

Ein Teil der Lederfabrik Heinen muss aufgrund des Starkverschmutzerbeitrags nach Polen verlagert werden. Das kündigt Thomas Heinen (48), Geschäftsführer des Wegberger Traditionsunternehmens, im Gespräch mit unserer Redaktion an.

4,29 Euro in Wegberg, 1,75 Euro in der Nachbarstadt Erkelenz – über die hohen Abwassergebühren wird in Wegberg seit Jahren gestritten. Ab 2020 soll ein Starkverschmutzerzuschlag die häuslichen Einleiter entlasten und im Gegenzug einzelne Unternehmen belasten, die so genannten Indirekteinleiter mit großen Schmutzfrachten. Im Fokus steht dabei die Lederfabrik Heinen, der vorgeworfen wird, für die hohe Belastung der Kläranlage Wegberg verantwortlich zu sein und die Gebühren auf Kosten der Allgemeinheit in die Höhe zu treiben. Thomas Heinen, Geschäftsführer der Lederfabrik, weist diesen Vorwurf entschieden zurück und stellt seine Sicht der Dinge zum Thema Starkverschmutzerzuschlag dar.

Herr Heinen, was halten Sie von der geplanten Einführung des neuen Gebührenmodells mit Starkverschmutzerzuschlag?

Thomas Heinen Überhaupt nichts. Der Starkverschmutzerzuschlag wird die Bürger der Stadt Wegberg so gut wie gar nicht entlasten. Den Wegbergern wird bei diesem Thema seit Jahren Sand in die Augen gestreut. Um es ganz klar zu sagen: Die Firma Heinen ist nicht dafür verantwortlich, dass die Schmutzwassergebühr in Wegberg 4,29 Euro und in Erkelenz nur 1,75 Euro pro Kubikmeter beträgt. Fakt ist, dass die Abwassergebühren ohne den hohen Betrag, den die Firma Heinen seit Jahrzehnten an die Stadt zahlt, noch höher wären. Das wurde den Ratsmitgliedern durch einen Gutachter auch schon erklärt. Heinen trägt zur Entlastung der Bürger bei den Abwassergebühren bei und nicht umgekehrt.

Wie wird sich die Abwassergebühr aus Ihrer Sicht entwickeln?

Thomas Heinen Die Stadt Wegberg hat leider, trotz gestiegener gesetzlicher Anforderungen, in den vergangenen Jahren viel zu wenig in die städtische Kläranlage und in das Kanalnetz investiert. Daher hat die Bezirksregierung Köln die Kläranlage Wegberg auch seit Jahren nicht mehr genehmigt. In den kommenden Jahren werden sicherlich größere Investitionen nötig werden, um die Kläranlage wieder auf den Stand der Technik zu heben. Das wird dann vermutlich zu steigenden Gebühren führen.

Was ist der Grund für die von Ihnen angesprochenen Versäumnisse?

Thomas Heinen Ich vermute die seit Jahren schlechte Haushaltslage der Stadt Wegberg, es geht schließlich um viel Geld. Deshalb verlagert die Stadt ein Problem, das sie selber regeln müsste, auf andere und sagt: Das können die Einleiter regeln.

Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für die vergleichsweise hohe Abwassergebühr in Wegberg?

Thomas Heinen Der Grund ist bekannt, wird aber in der Diskussion über den Starkverschmutzerzuschlag ignoriert. Hauptkostentreiber sind die beiden Kläranlagen in Wegberg und Dalheim. Für beide muss Personal gestellt werden, für beide müssen laufende Ausgaben für die Unterhaltung und Bewirtschaftung getätigt werden, für beide müssen fixe Kosten umgelegt werden. In Erkelenz gibt es nur eine Kläranlage. Alleine in diesem Bereich sind die Kosten, die auf die Gebührenzahler umgelegt werden, in Wegberg mehr als doppelt so hoch. Zudem hat Wegberg ein relativ langes Kanalnetz mit relativ wenigen Einleitern pro Kilometer.

Welche konkreten Auswirkungen hätte der Starkverschmutzerzuschlag für Ihr Unternehmen?

Thomas Heinen Wird der Starkverschmutzerzuschlag tatsächlich eingeführt, verdoppeln sich die jährlichen Abwasserabgaben für unser Unternehmen. Wir müssten fast 600.000 Euro statt bislang rund 300.000 Euro Abwassergebühren pro Jahr an die Stadt Wegberg zahlen. Das würde die Existenz der Lederfabrik Heinen mit ihren 100 Arbeitsplätzen massiv gefährden. Wir sind dadurch zum Handeln gezwungen.

Was bedeutet das für Ihre unternehmerische Planung?

Thomas Heinen Wir haben uns bereits um einen neuen Standort bemüht. Im Ergebnis werden wir einen Teilbereich des Unternehmens am Standort Wegberg schließen, unsere Wasserwerkstatt bis Ende 2019 nach Polen verlagern. Der Starkverschmutzerzuschlag zwingt uns dazu, das anfallende Wasservolumen und damit die Abgabenlast am Standort Wegberg deutlich zu reduzieren. Damit steigt die Gebühr für die übrigen Einleiter automatisch, mehr als die Hälfte der Kosten für die Schmutzwasserbehandlung in Wegberg sind Fixkosten. Die Einführung des Starkverschmutzerzuschlags ist daher aus unserer Sicht nicht verhältnismäßig und sogar schädlich – für alle Beteiligten. Wir werden das so nicht akzeptieren können.

Sind durch das Thema Arbeitsplätze am Standort Wegberg bedroht?

Thomas Heinen Die Verlagerung der Wasserwerkstatt nach Polen wird uns viel Geld kosten. Wir werden versuchen, dies weitgehend ohne Verlust von Arbeitsplätzen am Standort Wegberg hinzubekommen. Sollte uns die Aussiedlung der Wasserwerkstatt nicht gelingen und der Starkverschmutzerzuschlag kommen, muss die Firma Heinen in Wegberg schließen.

Der Bauausschuss hat sich einstimmig für die Einführung des Zuschlags für Starkverschmutzer zum 1. Januar 2020 ausgesprochen, der Stadtrat soll am 7. Mai endgültig grünes Licht geben. Welches Ergebnis erwarten Sie?

Thomas Heinen Ich habe die große Sorge, dass sich nicht alle Beteiligten der Tragweite der Entscheidung bewusst sind und die Fraktionen im Rat der Stadt Wegberg – möglicherweise aus eigenem Interesse – der Stimmung und nicht den vorliegenden Fakten folgen werden. Der Starkverschmutzerzuschlag würde die Lederfabrik Heinen hart treffen und den Bürgern der Stadt Wegberg nichts bringen. Das Thema ist sehr technisch und kompliziert. Einfach zu verstehen sind aber ein paar unstrittige Tatsachen: Durch die Einführung eines Starkverschmutzerzuschlages wird ein Traditionsunternehmen bewusst zerstört, das zur Senkung der örtlichen Abwassergebühren beiträgt, seit 1891 hohe Gewerbesteuerbeiträge zahlt, vielen Wegbergern direkt oder indirekt einen Arbeitsplatz bietet, die wiederum in Wegberg ihre Steuern zahlen und einkaufen gehen. Muss man da wirklich noch nachdenken, ob ein Starkverschmutzerzuschlag sinnvoll ist? Wo ist für wen der Nutzen eines solchen Zuschlages?

Wie wird Ihr Unternehmen außerhalb von Wegberg wahrgenommen?

Thomas Heinen Die Situation ist paradox: Während die Lederfabrik Heinen und ihre Produkte weltweit größte Anerkennung erfahren, wir mit Umweltpreisen ausgezeichnet werden und Kunden unsere umweltschonende und sichere Produktion „made in Germany“ wertschätzen, werden wir in Wegberg als stinkend und dreckig wahrgenommen. Das ist unser großes Problem.

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