„Kriminelle Sommernacht“ Leichen pflastern die Wegberger Bahnhofstraße

Wegberg · Krimi- und Thriller-Freunde konnten sich bei der „kriminellen Sommernacht“ auf dem ehemaligen Friedhof wieder gruseln. Das Format hat Zukunft.

Präsentierten die „kriminelle Nacht“ (v.l.): Anne Heesen, Heike Dahlmanns, René Wagner,  Kurt Lehmkuhl und Torsten Heiss.

Präsentierten die „kriminelle Nacht“ (v.l.): Anne Heesen, Heike Dahlmanns, René Wagner, Kurt Lehmkuhl und Torsten Heiss.

Foto: Renate Resch

Leichen pflasterten den Weg auf dem ehemaligen Friedhof an der Bahnhofstraße in Wegberg. Allerdings nur in der Fiktion, die die Mitwirkenden bei der „kriminellen Sommernacht“ einem großen Publikum vortrugen. Zum wiederholten Male hatte der Wegberger Bestatter Torsten Heiss im Rahmen seiner kulturellen Veranstaltung zu dieser ungewöhnlichen Lesung unter freiem Himmel im Stadtpark eingeladen – und wieder pilgerten viele Menschen mit Klappstühlen, Decken, Taschenlampen und Knabbereien dorthin, um sich durch Krimi-Geschichten und Gedichte unterhalten zu lassen.

Zum Inventar der „kriminellen Lesung“ gehören der Hörbuchsprecher René Wagner und der Autor Kurt Lehmkuhl, die Heiss „an diesem historischen Ort mit den vielen uralten Grabsteinen“ ebenso begrüßte wie Heike Dahlmanns aus Gangelt und Anne Heesen aus Wassenberg. „Wir können garantieren, dass jeder, der mit uns heute hier auf dem Friedhof ist, auch wieder heil nach Hause kommt“, meinte Heiss schmunzelnd. Die beiden Frauen betraten mit dem Auftritt im Stadtpark Neuland. Auch wenn sie sich mit ihren Werken schon einen Namen gemacht und Preise gewonnen haben, war es ihre erste Lesung in diesem Ambiente. Dahlmanns hat bereits zweimal den Ennigerloher Dichtungsring einheimsen können, Heesen wurde letztjährige Siegerin beim Wassenberger Krimifestival.

Für die Lesung gab es nur eine Vorgabe: Die Beiträge mussten „kriminell“ sein, was die beiden Autorinnen voll und ganz ausnutzten. „Ältere Damen“ spielen bei ihnen eine Hauptrolle. Die eine begeht mit 22 Schüssen eine Notwehraktion oder meuchelt mit 13 Messerhieben ihren Ehemann, die andere macht aus ihrer Abneigung gegen Erpresser keinen Hehl oder nutzt den Golfplatz als mörderische Bühne. Dabei hatte der Abend so schön und harmonisch begonnen, als Dahlmanns mit Lehmkuhl im Duett „Frau Fröhlich“ zu Wort kommen ließen. Was lustig begann, endete ziemlich blutig und lieferte den Vorgeschmack auf die folgenden kurzweiligen zwei Stunden nach dem Motto: „Das Böse schläft nie.“

Dahlmanns schickte die Zuhörer unter anderem in die Kölner Unterwelt und meinte zynisch „Papi hat dich lieb“, während Heesen aus ihren Werken „Erpicht auf Gedicht“ und „Klein, fein und gemein“ vortrug. Beide Autorinnen haben eine Vorliebe für ausgeprägten schwarzen Humor, wovon viele ihrer literarischen Kostproben zeugten.

„Endstadion Geilenkirchen“ von Beatrix Hötger-Schiffers sowie die Geschichten „Tot oder lebendig“, „Spritztour“ und „Schachmatt“ von Lehmkuhl – René Wagner gelingt es, die Zuhörer mit seiner Erzählkunst einzufangen – und selbst, wenn die eine oder andere Geschichte schon einmal zu hören war, begeistert sie immer wieder aufs Neue. „Es kann vorkommen, dass wir eine Geschichte lesen, die wir schon einmal vor Jahren an dieser Stelle vorgetragen haben“, räumt Lehmkuhl ein, der mit Wagner häufig als die „Die Vorleser“ unterwegs ist. Er stellte aus seinem reichhaltigen Repertoire einige Kurzkrimis wie „Liebenslohn“, Beutezug“ und „Fürsorge“ vor und präsentierte in Wegberg auch eine Premiere. Zum ersten Mal trug er mit „Enkeltrick“ eine Kurzgeschichte vor, die im Literarischen Krimikalender 2024 veröffentlicht wird und die nicht so endet, wie es der Trickbetrüger erwartet.

Den Blick auf 2024 hat auch der Veranstalter schon gerichtet. „Im nächsten Jahr wird es wieder eine ‚kriminelle‘ Sommernacht geben“, verkündete Heiss bei der Verabschiedung.