Von Sachsen nach Wegberg: In der Autowerkstatt hat es gefunkt

Henriette Gerards’ neue Heimat : Von Sachsen nach Wegberg

Henriette Gerards aus Neustadt bei Dresden hat vor 26 Jahren in Wegberg eine neue Heimat gefunden. Eigentlich wollte sie während eines Besuchs in der Mühlenstadt nur ihr Auto reparieren lassen. In der Werkstatt funkte es dann.

Sie wollte ihr Auto reparieren lassen. Und fand die Liebe ihres Lebens. Von Neustadt bei Dresden nach Wegberg. Von Sachsen nach Nordrhein-Westfalen. Von Ost nach West, sogar in das westlichste Kreisgebiet der Republik. Als Henriette Gerards, genannt Henny, vor rund 26 Jahren nach der Wende ihre Tochter Peggy in der Mühlenstadt besuchen wollte, machte ihr Twingo plötzlich schlapp. So lernte sie Heinz-Willi kennen, schon damals Inhaber der Wegberger Renault-Werkstatt mit Autohaus. Der Funke sprang über, und Henriette Gerards wurde in der Folge in Wegberg heimisch. Weil sich bald die friedliche Revolution zum 30. Mal jährt, erinnert sich die heute 66-Jährige zurück.

Aus der DDR, dem Land, in dem sie aufgewachsen ist und das es heute nicht mehr gibt, hat Henriette Gerards ihren alten Personalausweis und die vorgeschriebenen Sozial- und Impfausweise ihrer beiden Töchter, die heute in Bayern und an der Ostsee leben, mitgebracht. Und noch etwas gibt es, auf das die Sächsin nicht verzichten wollte: Die „Fixe Anna“, ein unverwüstlicher Universal-Dosenöffner, der immer zum Einsatz kommt, wenn sie Bohnen, Apfelmus oder Gurken aus dem eigenen Garten eingemacht hat und eins der Gläser für die gemeinsamen Mahlzeiten geöffnet werden soll. „Jetzt bin ich in Wegberg zu Hause“, sagt sie und lacht. „Wegberg ist ein schönes, kleines Städtchen. Hier bin ich gern.“

Die Anfangszeit war nicht immer einfach. Schon das Einkaufen fiel ihr schwer, weil sie viele Wörter noch gar nicht kannte. Panhas beim Metzger zum Beispiel. Grützwurst für das in der DDR so beliebte „Nationalgericht“ namens „Tote Oma“ suchte sie in der Mühlenstadt Wegberg vergeblich.

Die gelernte Rinderzüchterin, die später auf Altenpflege umsattelte, erinnert sich noch genau an den 9. November, den Tag, als die Mauer fiel. Ungläubig saß sie vor fast drei Jahrzehnten vor dem Fernseher, verfolgte mit Kopfschütteln, was sich damals in Berlin abspielte. „Von den ganzen Bürgerprotesten und Demonstrationen wusste ich nichts. Ich konnte kein Westfernsehen empfangen, weil ich im Raum Dresden im so genannten Tal der Ahnungslosen wohnte.“ Ihre Gedanken: „Bin ich hier im falschen Film?“

Henriette Gerards handelte mit Bedacht, wartete lieber bis Februar oder vielleicht auch März des folgenden Jahres. Als sie Schwester und Schwager in Potsdam besuchte, fuhr das Trio nach West-Berlin. Einmal das legendäre Kaufhaus des Westens (KadeWe) besuchen. Doch die 100 Mark Begrüßungsgeld blieben im Portemonnaie. „Ich war wie erschlagen von dem übergroßen Angebot. Das war einfach überwältigend, als ich mit dem Einkaufswagen da durchfuhr“, erinnert sie sich an ihren ersten Besuch im bekannten Konsumtempel am Wittenbergplatz. „Ich war fix und fertig.“

Im vergangenen Dezember machte sie ihrem Heinz-Willi einen Heiratsantrag. Der Wegberger Kfz-Meister lag mit Herzproblemen im Krankenhaus. „Und jetzt wird geheiratet“, sagte sie entschlossen, als sie festgestellt hatte, dass sie im Ernstfall wenig mitzuentscheiden gehabt hätte, wenn es ihrem damaligen Lebensgefährten schlechter gegangen wäre.

Henny Gerards vermisst Neustadt nicht, sie ist längst in Wegberg heimisch geworden. Ihren geliebten Bautzener Senf gibt es auch hier zu kaufen. Nur Eierschecken, den berühmten Dresdener Kuchen, gibt es hier nicht. „Aber den backe ich dann eben selbst.“

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