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Wegberg: Holtumer Schrankfabrik stellt Insolvenzantrag

Wegberg : Holtumer Schrankfabrik stellt Insolvenzantrag

Mehr als 300 Kunden warten seit Wochen vergeblich auf die Lieferung bereits bezahlter Möbel der Schrankfabrik aus Wegberg-Holtum. Sie dürften leer ausgehen: Die Firma mjoy GmbH hat einen Insolvenzantrag gestellt.

"Auf die Schränke. Fertig. Los." So hieß es noch heute vor einer Woche (17. Januar) auf der Internetseite der Wegberger Schrankfabrik webesto (www.webesto.de). Egal, ob sich Kunden für den hochwertigen Schwebetürenschrank mit weißen Fronten aus Glas und LED-Licht zum Aktionspreis ab 712 Euro oder für das Komplettangebot Schwarz mit Wildeiche und Spiegel ab 799 Euro entschieden haben - das webesto-Prinzip versprach eine hervorragende Qualität zum fairen Preis. Doch bei vielen webesto-Kunden ist aus der Vorfreude auf das neue Möbelstück längst Ärger und Wut geworden. Das Unternehmen hat einen Insolvenzantrag gestellt und liefert nicht mehr aus.

Mehrere Kunden von webesto berichten, dass sie ihre bestellte Ware schon komplett bezahlt oder zumindest angezahlt haben. Jetzt seien weder die Unternehmensleitung noch Mitarbeiter der Schrankfabrik erreichbar. Auch für unsere Redaktion war die Geschäftsführerin des Unternehmens trotz mehrfacher Nachfragen in den vergangenen Tagen für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

 Kunden von webesto versuchen seit Wochen vergeblich, persönlich, am Telefon oder per E-Mail Kontakt zum Unternehmen aufzunehmen.
Kunden von webesto versuchen seit Wochen vergeblich, persönlich, am Telefon oder per E-Mail Kontakt zum Unternehmen aufzunehmen. Foto: Michael Heckers
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Einige Kunden von webesto nahmen zuletzt sogar weite Anreisen in Kauf, um auf dem verwaisten Firmengelände in Holtum vergeblich nach einem Ansprechpartner zu suchen. Nachbarn des Unternehmens in Wegberg-Holtum berichten, dass auf dem Werksgelände schon seit Beginn des Jahres 2018 nichts mehr los sei. Am Werksverkauf von webesto an der Gewerbestraße Süd in Erkelenz hängt ein handgeschriebener Zettel mit der Auskunft: "webesto-Showroom zurzeit geschlossen!"

Gestern brachte eine Presseerklärung von Rechtsanwalt Dr. Christoph Niering aus Krefeld Licht ins Dunkel. Demnach hat die auf die Herstellung von Schiebetürschränken spezialisierte mjoy GmbH & Co. KG aus Wegberg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beim Insolvenzgericht Mönchengladbach gestellt. Niering wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

 Am Werksverkauf von webesto an der Gewerbestraße Süd in Erkelenz hängt ein handgeschriebener Zettel mit der Auskunft: "webesto-Showroom zurzeit geschlossen!"
Am Werksverkauf von webesto an der Gewerbestraße Süd in Erkelenz hängt ein handgeschriebener Zettel mit der Auskunft: "webesto-Showroom zurzeit geschlossen!" Foto: Michael Heckers

Weltweit hat die mjoy GmbH ihre Schranksysteme über den Online-Shop "webesto... die Schrankfabrik" vertrieben. Zur Begründung des Insolvenzantrags teilt der vorläufige Insolvenzverwalter mit, dass das Unternehmen durch einen Umsatzrückgang im zweiten Halbjahr 2017 in die Krise geraten sei. Versuche, einen strategischen Partner zu beteiligen und über diesen neue Vertriebskanäle zu erschließen, seien Anfang 2018 gescheitert. Dann sei der Geschäftsbetrieb zum Erliegen gekommen. Die zehn Mitarbeiter des Unternehmens wurden entlassen, der Online-Shop vom Netz genommen.

Für die verärgerten Kunden von webesto hat der vorläufige Insolvenzverwalter vorerst keine guten Nachrichten: "Die Schuldnerin hat sich über Lieferantenkredite und Anzahlungen von Kunden finanziert. Eine Rückzahlung der Anzahlungen kann aus insolvenzrechtlichen Gründen nicht erfolgen", heißt es. Erst nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens hätten die mehr als 300 Betroffenen die Möglichkeit, ihre Forderung zur Insolvenztabelle anzumelden.

Damit wird aus dem "fantastischen Einkaufserlebnis bei webesto" (www.webesto.de) für viele Kunden ein Riesen-Ärgernis. Ein Kunde aus Köln berichtet unserer Redaktion, dass er weit über 1000 Euro überwiesen hat und jetzt nicht weiß, was er machen soll. "Alle Betroffenen werden in einigen Wochen Post von mir bekommen", sagt der vorläufige Insolvenzverwalter. Niering hat nun zu prüfen, was an Masse zur Verfügung steht.

Die Pleite der Wegberger Schrankfabrik könnte aber auch noch ein Fall für die Staatsanwaltschaft werden. Denn einige Kunden, die vor Wochen bei webesto Möbel bestellt, aber bis heute nicht bekommen haben, machten ihre Drohung war und haben Anzeige erstattet. "Wir haben einige Anzeigen gegen die mjoy GmbH vorliegen", sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken, "dabei geht es um Warenbetrug."

Auf dem Gelände der heutigen mjoy GmbH in Holtum waren früher die Möbelwerke Eggerath beheimatet, die bis zum Insolvenzantrag im Jahr 2006 bundesweit einer der maßgeblichen Anbieter für zerlegte Mitnahmemöbel und mit Standorten in Holtum und Oberbruch mit 300 sozialversicherungspflichtigen Mitarbeitern und etwa 750 geringfügig Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in der Region waren. Im April 2007 wurde der Geschäftsbetrieb eingestellt. Später kaufte die Unternehmensleitung einen Produktionsstandort in Sachsen-Anhalt und das Warenlager in Holtum auf und startete neu durch. Das Stammhaus mit Produktentwicklung, Musterbau, Vertrieb und Logistik wurde nach Holtum verlegt, in Ostdeutschland wurde produziert. 2011 folgte die nächste Krise: Die Firma Eggerath musste für ihre G.+H. Eggerath OHG Möbelfabrik Insolvenz anmelden. Anschließend übernahm die mjoy GmbH den Standort Holtum. Bis vergangene Woche hieß es auf der Internetseite von webesto: "Unser Familienbetrieb produziert für Sie in dritter Generation Kleiderschränke und Kastenmöbel. In Wegberg am Niederrhein entstehen die webesto-Schränke."

(RP)