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Geballte Turbulenzen statt Erholung

Theater im Forum Wegberg : Geballte Turbulenzen statt der ersehnten Erholung

In der Komödie „Eine Stunde Ruhe“ von Florian Zeller versucht ein Familienvater vergeblich, seine Lieblingsplatte anzuhören. Stattdessen eskaliert die Situation.

Mit dem lauten Türenknallen, das den Auftritt von Familienvater Michel (Timothy Peach) im Forum begleitete, schien dieser die Bedeutung seines Anliegens effektvoll unterstreichen zu wollen. Aufgeregt ging er von einem der rund 300  Zuschauer zum anderen, um ihnen seine neueste Errungenschaft zu zeigen: Eine Schallplatte, die er gerade erworben hatte – das Soloalbum „Me, Myself and I“ des Klarinettisten Niel Youart. Aufgeregt, freudig und sehr guter Laune kündigte er in der Komödie „Eine Stunde Ruhe“ von Florian Zeller wenig später auf der Bühne auch Ehefrau Nathalie (Nicola Tiggeler) die „Nachricht von allergrößter Wichtigkeit“ an. Für sie haben allerdings andere Themen Priorität, und ihr Redebedürfnis macht es ihm im Weiteren schwer, Zeit für seine Lieblingsmusik zu finden.

 Es ist die Familienkonstellation von Vater, Mutter und Sohn Sébastien (Johannes Lukas), die einiges Konfliktpotenzial mit sich bringt. So lebt Sébastien in einer Souterrain-Wohnung ohne Fenster und geht keiner geregelten Arbeit nach. Mit Aktionskunst und ausgefallenen Ideen stößt er vor allem bei seiner Mutter auf Widerstand und löst bei ihr große Sorgen um seine Zukunft aus. Zudem hat sie das Gefühl, dass ihr Mann sie anlügt – damit er die Wahrheit sagt, beichtet sie einen eigenen Fehltritt: Sie hat ihn vor 30 Jahren mit seinem besten Freund Pierre (Benjamin Kernen), der demnach der Vater von Sébastien ist, betrogen. Michel wiederum hat seit mehr als sechs Monaten eine Affäre mit Nathalies bester Freundin Elsa (Alexa Wiegandt) und versucht mit allen kommunikativen und darstellerischen Mitteln, eine Aussprache zwischen den Frauen zu verhindern. Während der ganzen Zeit, die von witzigen bis boshaften Dialogen sowie einer Reihe von Versuchen Michels, endlich in Ruhe seine neu angeschaffte Platte zu hören bestimmt ist, werkelt ein Handwerker (Raphael Grosch) im ehemaligen Kinderzimmer. Er verursacht Schäden, die Nachbarn Pavel (Reinhard Froboess) auf die Palme bringen.

 Das Auseinanderbrechen des familiären, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Gefüges ging mit zunehmenden Schäden im Wohnzimmer und angrenzenden Raum einher. Das große Familienporträt hing schief von der Wand, ein Regalbrett fiel herunter, und schließlich ging Klempner Léo im Hintergrund mit einem gelben Plastikschlauch vorbei, um das „Stinkewasser“ abzuleiten. Oder er platzierte ein demontiertes Klo mitten im Raum. Akustische Einspieler von lauten Bohrgeräuschen steigerten den Stress und brachten wortlos geführte Streitgespräche mit eindeutigen beleidigenden Gesten mit sich. Anfänglich warf der Hausherr noch sehnsüchtige Blicke auf seinen bequemen Sessel und versuchte, fürs Musikhören Zeit zu gewinnen. Später war er ganz mit den Konfliktthemen und deren bestmöglicher Bewältigung beschäftigt. Bis zum Schluss war ihm keine Ruhe vergönnt.

Köstlich war mitzuerleben, wie schwierig sich die Kommunikation der Protagonisten in der in französischer Unterhaltungs-Tradition geschriebenen Komödie gestaltete. Aneinander vorbei reden, sich das Wort abschneiden und Aussagen ignorieren gehörten zu den Mitteln, um eigene Ziele zu erreichen. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung zeigte etwa Timothy Peach, der auf die Worte von Ehefrau oder Geliebten zunächst nüchtern reagierte, sich aber aufgrund ihrer Erwartungshaltung in einer rasenden Eifersuchtsszene oder mit gespieltem Herzensbruch verausgabte. Das Publikum hatte an den unerwarteten Pointen und kleinen handwerklichen Katastrophen viel Vergnügen und zollte dem in Zeitlupe durchgeführten Abschlussgemenge Extra-Applaus. Viel Beifall und stehende Ovationen erhielt schließlich das gesamte Ensemble.