1. NRW
  2. Städte
  3. Wegberg

Wegberg: "Die Menschen wollen verstehen, was passiert"

Wegberg : "Die Menschen wollen verstehen, was passiert"

Närrisches Brauchtum - für viele schöne Tradition, für einige Neuland. Besonders für die Flüchtlinge, die in der Region angekommen sind.

Nur noch wenige Tage - und die Jecken übernehmen wieder das Kommando. Vielerorts beginnt am Altweiberdonnerstag der Straßenkarneval. Der mag Menschen aus anderem Kulturkreis exotisch vorkommen. "Sicher haben wir mit den Flüchtlingen gesprochen, um sie vorzubereiten auf das, was sich in den kommenden Tagen hier abspielt", sagt Rolf Schulte-Nover vom Verein "Willkommen in Erkelenz" (WiE). Bei WiE ist man fest davon überzeugt, dass die Flüchtlinge Karneval kennen lernen sollen. Schulte-Nover: "Wer dauerhaft hier leben möchte, muss das einfach kennen." Allerdings haben die WiE-Verantwortlichen einen Punkt in der Erkelenzer Innenstadt ausgemacht, vor dem man die Flüchtlinge ausdrücklich warnt. Schulte-Nover: "Die Szenen mit stark alkoholisierten Jugendlichen, die sich in der Vergangenheit am Johannismarkt und Umgebung abgespielt haben, sind sicher nicht schön." In Erkelenz gibt es Flüchtlinge, die sich ehrenamtlich in Senioreneinrichtungen engagieren. Rolf Schulte-Nover findet, dass dies ein guter Ansatzpunkt ist, mit den Senioren den Rosenmontagszug zu besuchen.

Ein wichtiger Aspekt aus Sicht des Vereins war, Flüchtlingskindern den Besuch einer Karnevalsveranstaltung zu ermöglichen. Beim Kinderkarnevalsfest der Karnevalsgesellschaft "Venroder Wenk" waren die Kinder sehr willkommen und feierten gemeinsam mit den Venrather Kindern. In Projektgruppen sind zudem Karnevalsmasken gebastelt worden.

Auch die Stadt Erkelenz will die im Stadtgebiet lebenden Flüchtlinge informieren. Wie es aus der Verwaltung heißt, nutzt man den von der Bezirksregierung Arnsberg verfassten Flyer, der in mehreren Sprachen über Karneval als traditionelles Fest informiert. Auch weitere Städte nutzen das Schreiben der Bezirksregierung zur Information.

Gabi Peterek vom Verein "Asyl in Wegberg" hätte gerne im Vorfeld des Straßenkarnevals eine eigene Karnevalsveranstaltung für Flüchtlinge in der Unterkunft an der Nordstraße in Arsbeck organisiert, um sie mit dem rheinischen Brauchtum vertraut zu machen. "Leider fehlen uns in den städtischen Unterkünften immer noch Gemeinschaftsräume, um solche Veranstaltungen möglich zu machen", sagt sie. Peterek und ihre vielen ehrenamtlichen Helfer haben darum zuletzt viele Gespräche zum Thema Karneval mit den Flüchtlingen geführt und ihnen erklärt, was es mit dem rheinischen Brauchtum auf sich hat. Außerdem wurden in den Unterkünften offizielle Hinweise zu Karneval von der Bezirksregierung Arnsberg und vom Festkomitee Kölner Karneval ("Herzlich Willkommen zum Kölner Karneval") ausgehängt. In dem Schreiben der Bezirksregierung heißt es unter anderem: "Ein wichtiger Grundsatz an Karneval ist Toleranz und Respekt. Das gilt für jeden der feiern will. Für Männer genauso wie für Frauen. Deshalb gilt: Feiern ist erlaubt, aber nur so, dass sich davon niemand gestört fühlt." In dem Schreiben, das in deutscher, englischer und arabischer Sprache in den städtischen Unterkünften und in der Landeseinrichtung in Petersholz aushängt, werden auch die Themen Verkleidung, Polizeipräsenz und Alkohol angesprochen.

In Wegberg haben die Verantwortlichen bisher nur positive Erfahrungen gemacht. "Die Menschen, die zu uns kommen, sind sehr aufgeschlossen gegenüber unserer Kultur und wollen verstehen, was hier passiert und was gefeiert wird", berichtet Markus Pillich von der Johanniter-Unfall-Hilfe. Die Hilfsorganisation betreibt die Notunterkunft des Landes NRW in Petersholz, wo zurzeit etwa 500 Flüchtlinge leben. Markus Pillich stützt seine Worte auf die durchweg positiven Erfahrungen zu Silvester, Weihnachten und St. Martin. So feierten viele Flüchtlinge den Jahreswechsel gemeinsam mit Wegberger Bürgern an der Eisbahn vor dem Wegberger Rathaus. "Ich gehe fest davon aus, dass die Stimmung auch an den bevorstehenden Karnevalstagen ähnlich gut sein wird", sagt er. Einige seiner Mitarbeiter werden in den nächsten Tagen in Kostümen ihre Arbeit in Petersholz erledigen und darüber sicherlich mit den Flüchtlingen über das Thema Karneval und rheinisches Brauchtum ins Gespräch kommen.

Keinen Handlungsbedarf, Flyer zu verteilen, sieht der neue Sozialamtsleiter in Hückelhoven, Thorsten de Haas. "Die Integration findet bereits statt, denn die Flüchtlinge sind dezentral untergebracht, und es gibt viele Ehrenamtler, die sich kümmern", erklärte er. Betreuer und Flüchtlinge kämen im täglichen Umgang ins Gespräch. "Und über den rheinischen Karneval wird sicher gesprochen wie über andere Dinge des Alltags. So wurde ebenfalls über Weihnachten geredet."

Auch Jutta Schwinkendorf vom Flüchtlingsnetzwerk Wassenberg sieht den Karnevalstagen unaufgeregt entgegen. "Im Deutschunterricht, den Ehrenamtliche in der Asylbewerber-Unterkunft halten, wird das Karnevalsbrauchtum thematisiert. Wir haben auch vor, eine Art Infoblatt in der Unterkunft auszulegen mit Hinweisen - die Idee haben wir von einem Karnevalsguide des Asylkreises in der Gemeinde Schwalmtal, der das prima vermittelt." Ordnungsamtsleiter Michael Steckel betonte am Donnerstag: "Karneval den Flüchtlingen zu vermitteln, ist ein Thema, worüber wir uns gerade verwaltungsintern Gedanken machen. Wir werden sicher auf einige Verhaltensregeln aufmerksam machen und die Bewohner der Unterkunft dazu anhalten, in möglichst kleinen Gruppen unterwegs zu sein." Man werde auch die Ehrenamtlichen einbeziehen.

(RP)