1. NRW
  2. Städte
  3. Wassenberg

Zeitzeuge spricht in Wassenberg: Emotionales Gedenken zur Pogromnacht

Zeitzeuge spricht in Wassenberg : Emotionales Gedenken zur Reichspogromnacht

Den Abtransport jüdischer Kinder in die Vernichtungslager, den er als kleiner Junge miterlebte, hat der inzwischen 90-jährige Franz-Josef Breuer immer noch vor Augen. In Wassenberg erzählte er jetzt davon.

Franz-Josef Breuer versagte fast die Stimme, als er am Freitag auf dem Wassenberger Synagogen-Platz mehr als 100 Schülern und weiteren Teilnehmern der Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht der Nationalsozialisten 1938 seine Begegnung mit jüdischen Kindern schilderte, die schreiend in einem Güterwaggon der Eisenbahn in die Vernichtungslager transportiert wurden. 1942 war das, erinnerte der heute 90-jährige Heimatforscher in Wassenberg, während er als damals Gleichaltriger wie die jüdischen Kinder mit seinem Vater in einem Personenabteil der Bahn reisen konnte. Das Bild sehe er auch nach fast 80 Jahren noch vor seinen Augen.

Seit Jahren sind die Betty-Reis-Gesamtschule, benannt nach einem ermordeten jüdischen Kind aus Wassenberg, der Heimatverein und die Stadt Wassenberg Träger der Veranstaltung, die an der Stelle stattfindet, an der die örtliche Synagoge gestanden hat, die am 10. November 1938 dem Nazi-Terror zum Opfer fiel.

Gesamtschul-Lehrer Ludger Herrmann leitete in die Veranstaltung am recht frostigen Freitag unter dem Leitwort „Nie wieder vergessen! – Aus der Vergangenheit lernen!“ ein, Gleichwertigkeit, Vielfalt, Toleranz seien die Werte, die es gegen grassierende antidemokratische und rassistische Tendenzen zu verteidigen gilt. 2021 hätte Betty Reis ihren 100. Geburtstag feiern können.

  • Bert Römgens erhält eine hohe Auszeichnung
    Auszeichnung für Bert Römgens : Das jüdische Leben sichtbarer gemacht
  • In der Sitzung des Wassenberger Stadtrates
    Haushaltsentwurf für das Jahr 2022 : Wassenberg setzt Investitionen fort
  • Der neue Stolperstein in Nettesheim ist
    Geschichte in Rommerskirchen : Stolperstein und Fußmarsch erinnern an jüdische Opfer

Der 8. Schülerjahrgang der Gesamtschule hatte die Gestaltung des Gedenkens übernommen, Luna Ongaro und Britta Rütten als Sprecherinnen erinnerten daran, dass Betty Reis in ihrer Zeit nicht die Möglichkeit gehabt hätte, „ihre Zukunft frei zu gestalten; schon früh musste sie Angst um ihr Leben und das Leben ihrer Vertrauten haben. Lasst uns nicht vergessen, welche Privilegien wir haben und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Jeder von uns und jeder von Ihnen kann durch seine Taten die Zukunft des Zusammenlebens hier in Wassenberg und in der ganzen Welt bestimmen, denn eine kleine Tat kann große Wellen schlagen.“

Ehrenbürger und Heimatvereins-Ehrenvorsitzender Sepp Becker schilderte die Geschichte der Juden in Deutschland, die Geschichte der Juden und jüdischen Gemeinde in Wassenberg, die im Land, belegt durch Kölner Daten, 1700 Jahre währe, in Wassenberg 700. Dass sie aus dem Nahen Osten gekommen seien, habe ihre Ursache in der Flucht in der Römerzeit, doch hätten die Juden auch in der Fremde ihren Glauben weitgehend beibehalten, Anfeindungen und Pogromen seien sie in Europa schon immer ausgesetzt gewesen. Der erste in Wassenberg urkundlich erwähnte Jude sei ein Mann namens Alexander gewesen, Nachnamen waren zu der Zeit nicht üblich, der im Jahr 1321 genannt sei, also genau vor 700 Jahren.

1688 sei der jüdische Friedhof eingerichtet worden, 1867 wurde die kleine Synagoge gebaut. Das Befinden der Juden sei gekennzeichnet gewesen von guten und von schlechten Zeiten. Im Rheinland sei eine stabile, positive Zeit angebrochen mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen 1794, mit denen die Gleichheit aller Bürger eingezogen sei, religiöse Privilegien oder Bedrängnisse seien auch in Wassenberg durch sie weitgehend verschwunden.

Becker erinnerte an Zivilcourage: Beim Brand der Wassenberger Synagoge habe der christliche Bürger Max Graab die Nazischergen als Verbrecher und Gotteslästerer angeschrien, denen diese Tat heimgezahlt werden würde. Zwölf weitere Kinder der Gesamtschule riefen in kurzen Stellungnahmen zu Toleranz und Respekt auf, zeigten dabei Steine hoch, einem Symbol in der jüdischen Kultur.

Für die Politik zeigte sich Bürgermeister Marcel Maurer, dabei waren auch der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Schnelle und die SPD-Kreistagsabgeordnete Waltraud Kurth beeindruckt „von Franz-Josef Breuers schwierigem Auftritt“, der gerade gezeigt habe, dass man aus der Geschichte lernen müsse, um eine positive Zukunft zu generieren. Er dankte dem Senior ebenso wie Sepp Becker für den Heimatverein und vor allem der Gesamtschule, die das ganze Jahr über für die Werte freiheitlicher Demokratie auch mit Veranstaltungen einträte.