Projektwoche an der Betty-Reis-Gesamtschule Für jeden was dabei

Wassenberg · Ob Upcycling, Lego-Roboter oder internationale Küche – die Projektwoche der Betty-Reis-Gesamtschule zeigt, was gelebte Vielfalt an Schulen ausmacht. Unsere Mitarbeiterin Lia Jörissen, die die Schule besucht, hat ihre Eindrücke aufgeschrieben.

Lia Jörissen, Schülerin der Betty-Reis-Gesamtschule und Mitarbeiterin der Erkelenzer RP-Redaktion.

Lia Jörissen, Schülerin der Betty-Reis-Gesamtschule und Mitarbeiterin der Erkelenzer RP-Redaktion.

Foto: Ruth Klapproth

Es ist Donnerstagmorgen und ich bin spät dran – daran wäre eigentlich gar nichts Besonderes. Wenigstens habe ich dieses Mal eine vernünftige Ausrede, denke ich mir, als ich vor dem Schultor abgefangen werde. „Nennt uns ein Influencer-Paar“, fordert einer der Abiturienten, die uns diesen großartigen Abi-Streich eingebrockt haben. Da ich mich natürlich nur mit seriösen Medien auseinandersetze, habe ich davon natürlich gar keine Ahnung. Nicht die geringste.

Umso erleichterter bin ich, als eine jüngere Schülerin die Frage mit „Die Walsers“ beantworten kann, und denke an die angebotenen Projekte. Kein Wunder, dass wir eins haben, dass „Instagram, TikTok & Co.: die ProWo in den sozialen Medien“ heißt. Um schließlich selbst zu meinem eigenen Projekt rennen zu können, muss ich sechs mal acht ausrechnen. Und oh Wunder, ich schaffe es tatsächlich vor 7.55 Uhr in meinen Raum. Es sitzen zwar alle schon, aber ich bin nicht offiziell zu spät. Schnell setze ich mich auf den letzten freien Platz und nehme mir Zeit, um mich umzusehen. Ich bin im Neubau, der erst vor ein paar Jahren fertiggestellt wurde – statt einer grünen Tafel gibt es ein Whiteboard, der Raum ist liebevoll dekoriert, die Tische sind neu und irgendwie ergonomisch geformt. Schon etwas anderes als im Oberstufen-Gebäude, dass hier regelmäßig der Müll rausgebracht wird, ist fast schon das Höchste der Gefühle. Auch hier für ist in der Projektwoche etwas geplant, aber dazu später mehr.

Wir beginnen mit einem „Kennenlern-Bingo“. Wer ist ein Borussia-Fan, wer spielt ein Instrument, wer fährt gerne Rad? Mit Zettel und Stift bewaffnet laufen wir durch den Raum und lernen einander kennen. Als schließlich das Eis gebrochen ist, beginnen wir mit unserer Arbeit. Zu Beginn werden die grundlegenden Fragen rund um das Thema Schülerzeitung geklärt: Was bedeutet „Schülerzeitung“ überhaupt, welche Aufgaben gibt es, und wie führt man ein Interview?

Der Neubau auf dem Schulgelände der Betty-Reis-Gesamtschule.

Der Neubau auf dem Schulgelände der Betty-Reis-Gesamtschule.

Foto: Anke Backhaus

Nach der kleinen Pause bekommen wir professionelle Unterstützung durch Redakteurin Anke Backhaus von der Rheinischen Post, sie definiert Begriffe wie „Bericht“ und „Reportage“ präziser und erklärt, wie man sie trennt. Außerdem macht sie darauf aufmerksam, dass die gedruckte Zeitung, wie wir sie kennen, langsam aber sicher ausstirbt. Die Zukunft ist also digital, auch wir entscheiden uns deshalb dazu, unsere Schülerzeitung am Ende der Woche digital zu veröffentlichen.

Am nächsten Tag beginnen wir damit, Material für unsere Artikel zu sammeln. Lilli, Joshua und ich besuchen das Projekt „Grüne Aula Oberstufe“ – nicht zuletzt, weil ich dort meine Freundinnen Mia und Lisa besuchen kann. Die beiden sind mit Feuereifer dabei, eine der tristen grauen Betonsäulen in ein grünes Wunder zu verwandeln. „Wir machen bald Abi und wollen, dass etwas von uns hierbleibt, wenn wir gehen“, erklären die beiden die Wahl ihres Projekts. Ihre Mitschüler flechten Makramees und bemalen Blumentöpfe, um eine gemütliche Atmosphäre in unserem bisher eher kühlen Oberstufen-Gebäude zu schaffen.

Bei unseren Terminen haben mein Team und ich eine klare Aufgabenverteilung: Lilli macht Fotos, Joshua interviewt und nimmt auf, ich schreibe mit. Es ist nicht so, als wären die beiden Sechstklässler auf meine Hilfe angewiesen, wir haben einfach Spaß daran, zusammenarbeiten. Und es langweilt mich auch nicht, noch mal bei den Grundlagen anzufangen. Als ich im letzten Frühjahr mein Praktikum bei der Rheinischen Post gemacht habe, habe ich vor allem dadurch gelernt, dass ich die Redakteure bei ihrer Arbeit begleiten durfte. Ich hoffe, dass die kleinen Journalisten unseres Blatts „Betty berichtet“ das auch so erleben.

Manche Sachen machen sie auch ganz anders als ich, und das ist auch gut so. Learning bei doing hat sowieso noch immer am besten funktioniert – deswegen mische ich mich so wenig wie möglich ein und lasse die Schüler ihren Job machen, wobei mir wirklich das Herz aufgeht. Wenn sie nach einem erfolgreichen Interview in unseren Raum zurückkehren und ihre Fotos zeigen, dann bin ich glücklich.

Dieses klassenübergreifende Konzept, bei dem Schüler vom fünften bis zum zwölften Jahrgang an gemeinsamen Projekten arbeiten, ist übrigens zentraler Bestandteil unserer Projektwoche. Die „Kleinen“ erkennen, dass die „Großen“ auch nur Menschen sind und umgekehrt. Wenn ich so darüber nachdenke, hört sich Ober- und Unterstufe ziemlich abwertend an. Wir sind einfach Menschen, die lernen. In der Projektwoche ist aber alles durchmischt, gerade diese Vielfalt unterstreicht, wofür wir als Schule stehen und sollte noch stärker gefördert werden. Mit der Durchmischung wird auch für jüngere Schüler das Abitur nahbarer, vielleicht ziehen sie es sogar dem Hauptschulabschluss nach Klasse neun vor.

Daniela Vahl, die Koordinatorin für alternative Lernformen, zu denen neben dem Sponsorenlauf und dem Schulfest auch die Projektthementage gehören, ist überzeugt von diesem Konzept. Besonders, dass an der Projektwoche eine Präsentation hängt, hält sie für wichtig, da es eine gewisse Sinnhaftigkeit verleihe. Apropos Sinnhaftigkeit: Die Projekte haben auch einen nachhaltig positiven Effekt auf unser Schulleben: Wir lernen unsere Talente besser kennen und können sie einsetzen, um etwas für unsere Schule zu tun. Hier denke ich besonders an meine Freundinnen Lotte und Jasmin, die so etwas wie die (weiblichen) Leonardo da Vincis unserer Stufe sind. Als ich Lotte frage, wie sie auf die Idee für ihr Bild kam, bekomme ich folgende Antwort: „Das kannst du nicht aufschreiben, ich hab davon geträumt“. Weil ich ihre Antwort so schön fand, steht das jetzt trotzdem hier.

Die ProWo ist eben „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, wie unser Schulleiter Ludger Hermann treffend beschreibt. Während Lotte also an ihrer eigenen Version des vitruvianischen Menschen arbeitet, vereint Jasmins Werk die Fächer Bio, Chemie und Physik. Und das gefällt unserem Schulleiter so gut, dass er es sich am Liebsten in sein Büro hängen würde. Ein viel größeres Kompliment kann es wohl nicht geben – die Bilder werden aber dennoch den frisch renovierten Trakt schmücken, in dem es bislang dasselbe Problem gibt wie in unserem Oberstufen-Gebäude. Trotzdem habe ich mich dort immer zu Hause gefühlt, auch wenn es stellenweise etwas ranzig war. Nach der Projektwoche sieht es viel bunter aus, richtig metaphorisch.

An dieser Stelle darf ein Lob an meine Lehrer nicht fehlen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Stellen an unserer Schule nur zu 90 Prozent abgedeckt, wie Ludger Hermann erklärt. Was in der Projektwoche geschafft wurde, aber sieht nach 200 Prozent aus.