1. NRW
  2. Städte
  3. Wassenberg

Lesung in Wassenberg: Ironischer Blick auf Kleist und seine Zeit

Krimi-Lesung in Wassenberg : Ironischer Blick auf Kleist und seine Zeit

Ulrich Land stellt in der Burg seinen neuen Kriminalroman „Kleist – der letzte Akt“ vor. Warum das mysteriöse Ende des berühmten Heinrich von Kleist dabei zu einem auch heute noch spannenden Verwirrspiel wird.

 „Es wird Blut fließen“, kündigt Irmgard Stieding von der „Bücherkiste“ bei ihrer Begrüßung geheimnisvoll an. Gemeint ist der neue Roman von Ulrich Land „Kleist – der letzte Akt“, den der Autor jetzt in einer ersten größeren Veranstaltung der Wassenberger Bürgerbücherei nach der Corona-Zwangspause rund 40 interessierten Literaturfreunden im Saal der Burg Wassenberg bei einer Lesung vorstellte, unterbrochen von stimmungsvollen Musikbeiträgen  des „WassenJazz“-Mitgründers Eckart Krause (Keyboard).

Aber wer eine Atmosphäre des Grauens vermutete, sah sich am spätsommerlichen Freitagabend getäuscht. Vielmehr wartete der in Wassenberg durch viele Auftritte als Autor, aber auch Dozent der literarischen Sommerakademie der Bücherkiste bekannte Wahl-Freiburger mit einer von Ironie, Doppelbödigkeit, ja sogar Witz gespickten Lesung auf, die einen Krimi der besonderen Art über das Ende des berühmten Dichters vorstellte, und das in Form einer facettenreichen Szenenfolge mit skurrilen und überraschenden Wendungen.

  • Nicht nur der Gartenpark lädt in
    Projekt in Wassenberg : Mit „Stadt.Land.Fluss“ Kulturlandschaft erfahren
  • Der Verdächtige Jonas Borutta (Thomas Schubert)
    Sonntags-Krimi „Polizeiruf: Bis Mitternacht“ : Unerbittlich läuft der Countdown
  • Viele asiatische Länder hinken bei der
    Kampf gegen Corona : Das Ende von Zero Covid in Asien

Anlass für den mit realem und fiktivem Personal bestückten Roman waren für Land bis heute ungeklärte Fragen rund um den gemeinschaftlichen Suizid Heinrich von Kleists und seiner todkranken Schicksalsgefährtin Henriette Vogel am 21. November 1811 am Stolper Loch, dem heutigen kleinen Wannsee in Berlin. Für die Literaturgeschichte ist die Sache klar, dass der zeitlebens innerlich zerrissene und mit der Obrigkeit hadernde  Kleist erst seine Gefährtin (die nicht seine Geliebte war) und dann sich selbst erschoss. „Aber ich glaube der Überlieferung nicht“, sagt Land hintergründig. Zumal am Ort des Suizids nicht zwei, sondern drei Pistolen gefunden wurden. War etwa eine dritte Person beteiligt? Land hat historische Ermittlungsdokumente zu Kleists Tod studiert, die in der Tat Fragezeichen hinterlassen.

Aber natürlich nutzt der Autor diese Grauzone für eine eigene, wahrhaft fantastische Geschichte, in der als geheimnisvoller Dritter doch tatsächlich Michael Kohlhaas,  Kleists bekannte Novellen-Figur, wieder auflebt, die dem vor seinem eigenen Selbstmord  ängstlich zaudernden Kleist nach einem grotesken Dialog die Kugel gibt – als Rache für seine von Kleist beschriebene Hinrichtung.  Wie Kleist in Ulrich Lands Version vor seinem Suizid plötzlich die Düse geht und er alle möglichen Ausflüchte sucht, um die Vollstreckung doch noch hinaus zu zögern, und der dann folgende Dialog mit „Pferdeknecht“  Kohlhaas sind schwarzer Humor vom Feinsten.

Land versteht es, das Ganze stimmlich so lebendig zu präsentieren, dass man sich den Roman auch bestens als Hörbuch vorstellen kann. Die Krone setzt dem Verwirrspiel um Kleists mysteriöses Ende ein „Krimi im Krimi“ auf, der im Heute spielt, bei dem ein Kohlhaas-Reclam-Heftchen auf unerklärliche Weise aus einem Bücherregal verschwindet.