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Klaus Eberl aus Wassenberg: "Man darf Russland nicht auf Putin reduzieren"

Initiative in Wassenberg pflegt Freundschaft : „Man darf Russland nicht auf Putin reduzieren“

Vor 30 Jahren legte eine Versöhnungsreise evangelischer Christen ins russische Pskow den Grundstein für ein Netzwerk sozialer Projekte – von Beginn an eine Erfolgsgeschichte.

Seit 1999 bildet die Initiative Pskow (IP) in der evangelischen Kirche im Rheinland das Dach für zahlreiche soziale Projekte in Russland. Klaus Eberl, der frühere Pfarrer, Superintendent und Oberkirchenrat aus Wassenberg, hat die Zusammenarbeit mit angestoßen und geprägt. Im Gespräch blickt Eberl zurück auf die Anfänge und die Entwicklung dieses beispielhaften Versöhnungsprojekts.

Herr Eberl, eine mittlerweile in der Rheinischen Landeskirche legendäre Versöhnungsreise nach Pskow im Juni 1991 war Auslöser für die vielfältigen sozialen Projekte, die die Initiative Pskow heute bündelt. Wie kam es damals zu dieser Reise?

Klaus Eberl In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre fand eine intensive Diskussion in der Evangelische Kirche zur Frage der Versöhnung mit den Menschen in der Sowjetunion statt. Sicherlich hing das auch mit Glasnost und Perestroika zusammen. Die Debatten in der Rheinischen Landeskirche liefen auf einen Synodenbeschluss zu, der unter anderem eine große Versöhnungsreise in eine russische Stadt vorsah, die besonders unter dem deutschen Vernichtungskrieg gelitten hatte. Pskow, 270 Kilometer südlich von St. Petersburg gelegen, wurde ausgewählt, weil hier die Wehrmacht besonders rücksichtslos wütete. Im Umkreis der Stadt kamen mehr als 300.000 Menschen ums Leben.

 Vorsitzender Klaus Eberl aus Wassenberg und Vorstandsmitglied Bernd Schleberger von der Initiative Pskow.
Vorsitzender Klaus Eberl aus Wassenberg und Vorstandsmitglied Bernd Schleberger von der Initiative Pskow. Foto: Angelika Hahn
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Nahmen Sie als Funktionsträger teil oder aus individuellem Antrieb?

Eberl Der Beschluss sah vor, dass aus jedem Kirchenkreis zwei Delegierte teilnehmen sollten, einer aus der Kriegsgeneration und ein jüngerer. Hans Thies aus Wegberg und ich wurden aus dem Kirchenkreis Jülich ausgewählt. Ich interessierte mich für die Reise, da mein Vater Soldat in Russland war und mir – was seinerzeit ungewöhnlich war – viel über seine Kriegserfahrungen erzählt hat. Nun wollte ich die Menschen in Russland selbst kennenlernen.

Hatten Sie bei Antritt der Reise schon das Ziel, in Pskow speziell mit Menschen mit Behinderung in Kontakt zu kommen?

Eberl Nein, das Thema „Menschen mit Behinderung“ hatte zu Beginn nichts mit der Reise zu tun. Wir wohnten bewusst nicht im Hotel, sondern bei Familien. Ich wurde wegen meines Pfarrberufs dem orthodoxen Priester Pavel Adelheim zugeteilt, vielleicht auch wegen seines Interesses an deutscher Literatur – ich hatte neben Evangelischer Theologie auch Germanistik studiert. Aber dann stellte sich heraus, dass Pavel Adelheim eine Tochter mit geistigen Einschränkungen hatte und sich bei ihm regelmäßig Eltern trafen, die sich weigerten, ihre behinderten Kinder in das schreckliche Anstaltssystem, „Internat“ genannt, abzugeben. Aber es gab keine angepasste Förderung durch Tageseinrichtungen, Kindergärten oder Schulen. Kinder mit Behinderung wurden einfach aus dem System als „nicht bildungsfähig“ ausgemustert. Das interessierte mich. Ich bin ja durch Erfahrungen meines Zivildienstes in einer Einrichtung für Kinder mit schweren und mehrfachen Behinderungen zur Theologie gekommen und habe dort auch meine Frau kennengelernt. Als ich Pfarrer in Wassenberg wurde, hatten wir von Anfang an den Plan, dort eine „inklusive“ Gemeindearbeit zu entwickeln, auch wenn es das Wort Inklusion damals noch nicht gab.

Entstand also schon bei der Reise der Plan zu einer Förderschule, deren Aufbau die evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg maßgeblich tragen wird? Was waren die ersten Schritte?

Eberl Versöhnung braucht konkrete Schritte. Man muss merken, dass sich etwas verändert. Am besten für die Schwächsten im Lande. Was lag näher als der Aufbau einer Fördereinrichtung, um die sich die Eltern behinderter Kinder schon lange bemüht hatten? Also machten wir uns an die Arbeit. Zunächst musste Startkapital beschafft werden. In der Diakoniekasse der Gemeinde schlummerten rund 40.000 D-Mark. Das war ein Anfang. Dann meldete sich der verdienstvolle Oberkreisdirektor Leo Thönnissen bei mir und bot mir nicht verausgabte Gelder aus einer Spendenaktion des Kreises zu Gunsten der notleidenden Bevölkerung in Russland an. Schließlich verhandelte ich mit der Staatskanzlei NRW. Sie gewährte einen Zuschuss von rund 600.000 Mark. Dadurch konnten wir die Ausführung des Schulbaus als Fertighaus finanzieren. Denn in Russland gab es damals kein Baumaterial. Es folgten Verhandlungen mit den russischen Behörden über die Rahmenbedingungen unserer Arbeit, das Grundstück und so weiter.

Aber dann ging es sicher auch um Inhalte.

Eberl Genau. Manche Pskower dachten, in so einer Einrichtung müssten wohl viele Ärzte arbeiten, die behinderte Kinder wieder „normal“ machen können. Deshalb lud ich gemeinsam mit unserer Gemeindesekretärin Marianne Plickert, Mutter einer behinderten Tochter, in Pskow zu Veranstaltungen ein, die deutlich machen sollten, wie sonderpädagogische Förderung aussieht. Marianne Plickert stellte auch den Kontakt zur Rurtal-Schule her, die ihre Tochter Monika besuchte. Mit dieser Förderschule und ihrem hoch engagierten Schulleiter Bernd Schleberger hatten wir nun einen kompetenten fachlichen Partner im Boot. Zuletzt wurde das erste Mitarbeiterteam eingestellt. Einige sind bis heute die Säulen unserer Arbeit. Andrej Zarjow, einer der engagierten Eltern im Hause Adelheim, ist von Anfang an Direktor des Heilpädagogischen Zentrums. Er wird vertreten durch Swetlana Andreewa. Ohne diese beiden Menschen wäre das große Versöhnungsprojekt Heilpädagogisches Zentrum Pskow nicht möglich gewesen.

Gab es eigentlich Vorbehalte in der Kirchengemeinde gegen das Engagement im fernen Russland? Kurz: Mussten Sie Überzeugungsarbeit leisten?

Eberl Nein, Vorbehalte gab es nicht. Der inklusive Ansatz unserer Kirchengemeinde mit Familiengottesdiensten, der Konfirmandenarbeit und vielem mehr hatte auch Eltern behinderter Kinder und Fachleute ins Presbyterium geführt. Aber natürlich gab es auch Sorgen, ob wir das alles schaffen. Dann fand in der Wassenberger Kreuzkirche ein großer ökumenischer Versöhnungsgottesdienst statt. Nach meiner Predigt in der vollbesetzten Kirche stand ein Mann auf und nahm sich das Mikrofon. Er zog ein kleines Foto aus der Jackentasche und hielt es hoch. „Ich war deutscher Soldat in Pskow“, sagte er, „und ich habe darauf gewartet, einmal um Vergebung bitten zu können.“ Lange Stille. Da stand der Pskower Priester Pawel Adelheim auf, ging auf den Mann zu und segnete ihn. Danach war ich sicher: Wir schaffen das.

Was bewegt Sie im Rückblick auf die vergangenen drei Jahrzehnte der Verbindung zu Pskow?

Eberl Ein großes Geschenk. So viele wunderbare Erfahrungen. So viele Menschen, die immer einen Platz in meinem Herzen haben. Im Zusammenhang mit dem Projekt durfte ich ja so unterschiedliche Menschen kennen lernen, dass diese Vielfalt dem Wort Inklusion Ehre macht: behinderte Kinder und Erwachsene, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, die uns unterstützen, Förderer, Mitstreiter, dankbare Eltern, Freunde fürs Leben.

Welche Auswirkungen hat die neuerliche Eiszeit der Beziehungen der EU zu Putin-Russland auf die Aktivitäten der IP in Pskow?

Eberl Die Eiszeit in den politischen Beziehungen halte ich für einen großen Fehler. Sogar zur Breschnew-Zeit waren die Beziehungen besser. Erst recht heute zu anderen autoritären Staaten. Man darf Russland nicht auf Putin reduzieren. Dann nimmt man sich die Chance, Brücken zur Zivilgesellschaft zu bauen oder zu erhalten. Kaum eine Frage von weltpolitischer Bedeutung ist ohne Russland lösbar. Der Permafrost zwischen Deutschland oder der EU und Russland ist da wenig hilfreich. Zumal die kulturellen Wechselwirkungen seit Jahrhunderten groß sind. Wir haben vor Kurzem den Opfern des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 gedacht, weil dieses Datum in Deutschland fast vergessen ist, in Russland jedoch höchst präsent. Es ist dort auch präsent, dass Zusagen des Westens, die im Zusammenhang der deutschen Einheit gemacht wurden, nicht eingehalten worden sind. Statt Versöhnung schwingt auf beiden Seiten stets Misstrauen mit. Das ist kein zukunftsfestes Leitmotiv.

Aber die Beziehungen der IP zu Pskow sind krisenfest, oder?

Eberl In Pskow ist die Basis des Vertrauens groß. Sie ist durch die Zusammenarbeit groß geworden. Sukzessive übernimmt der russische Staat selbst Verantwortung in der von uns initiierten Arbeit. Das ist auch so gewollt und bei der Größe der Einrichtungen gar nicht anders möglich.

Gibt es weitere Projekte für die Zeit nach Corona?

Eberl Als vielleicht letztes Bauprojekt haben wir die Errichtung einer Tagesförderstätte für behinderte Erwachsene ins Auge gefasst, die wegen ihrer Einschränkungen nicht in der Werkstatt arbeiten können.