Jürgen Becker in Wassenberg: Die Geschichte der Triebe

Kabarett: Jürgen Becker in Wassenberg : Die Geschichte der Triebe

Mit seinem Soloprogramm „Volksbegehren! Eine Kulturgeschichte der Fortpflanzung“ war der Kölner Kabarettist Jürgen Becker in der Burg Wassenberg zu Gast. Seine Pointen sorgten für heitere Aufschreie und viel Applaus.

„Sex – wat soll der Quatsch eigentlich?“ Dieser Frage hat der Kabarettist Jürgen Becker gleich ein ganzes Soloprogramm gewidmet. Mit „Volksbegehren! Eine Kulturgeschichte der Fortpflanzung“ war er nun im großen Saal der Burg Wassenberg zu Gast und erheiterte das Publikum mit seiner ungewöhnlichen Betrachtungsweise des menschlichen Sexualtriebs.

Sexualität sei seit Beginn der Menschheit vollkommen zu Unrecht zu einem Tabuthema avanciert, deklarierte Becker schon am Anfang seines Kabarettabends. Anstatt also das Intimste aller Dinge mit der normalerweise üblichen Distanz zu betrachten, wolle er ans Eingemachte gehen: „Sehen wir das Thema heute Abend einfach als nie versiegenden Quell der Erheiterung“, ermunterte er. Die folgenden zwei Stunden, während derer er den Fortpflanzungsdrang mit seinem üblichen kölschen Charme, gesalzenem Humor und fundiertem Wissen um die Weltgeschichte analysierte, ließen bei den Zuschauern kein Auge trocken. Ein ums andere Mal sorgte er mit seinen trockenen Beobachtungen für Lachsalven, wobei ihm weder Politik, noch Biologie oder Theologie heilig waren. Da wurde Jesu Geburt mit der Fortpflanzung der Blattlaus verglichen und die Mythologie anhand berühmter Kunstwerke umgedichtet, dazu der Zweck der Fortpflanzung als „Feindabwehr“ bloßgelegt – durch die ständige genetische Veränderung, die der Fortpflanzung zu verdanken sei, habe sich der Mensch ja erst auf lange Sicht bewährt, führte Becker an.

Zwischen mittelalterlichen Reflexen, Steuererklärungen, mittlerweile gestrichenen Kuppeleiparagraphen und Sex im Tierreich beleuchtete Becker auch die Entstehung und Entwicklung der Leibfeindlichkeit in der Kirchengeschichte. Seine Ausführungen und neckischen Pointen sorgten dabei nicht nur für heitere Aufschreie und viel Applaus, ganz nebenbei vermittelte er auch noch ein wenig Geschichtswissen.

Gegen Ende wurde Becker doch noch einmal ernst und politisch. Im Hinblick auf Kindeserziehung, Ethnien und derzeitige politische Entwicklungen positionierte er sich klar: „Ein Staat ist immer eine Rechtsgemeinschaft, keine eigene, hermetisch abgeriegelte Spezies. Es geht mittlerweile auch nicht mehr bloß um links oder rechts – vielmehr geht es um eine liberale Gesellschaft, die für Aufklärung, Pluralismus und Individualismus steht, und um den autoritären Traum, der starke Führer wertschätzt und meint, dass nur die eigenen Antworten die richtigen sind“.

Die Anhänger des autoritären Traums hätten gemeinsam, dass ihnen die langsame, aber kompromissbereite Demokratie und einhergehende Freiheit zu kompliziert sei. „Wir alle sind durch Ressentiments verführbar. Die Demokratie funktioniert aber nicht vom Sofa aus.“

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