Wassenberg: In Ophoven lebt die Gemeinschaft

Wassenberg: In Ophoven lebt die Gemeinschaft

Die Infrastruktur des knapp 750 Einwohner zählenden Dorfes an der Rur - ohne Gaststätte und Supermarkt - ist klein. Aber unter der stillen Oberfläche bewegen die Ortsvereine so einiges.

Früher gab es im kleinen Ophoven mal Lebensmittelgeschäfte und drei Gaststätten. Wie in vielen Dörfern sind die kleinen Läden im Zuge der automobilen Gesellschaft den Supermärkten an den Stadträndern auf der grünen Wiese gewichen. Und doch, seit einem Jahr finden Senioren und Menschen, die nicht jederzeit mit dem Auto mal eben weg können, wieder eine Anlaufstelle an der Marienstraße in Ophoven: Der Getränkeshop von Ingo und Maria Ramakers hat sich zum Dorfladen erweitert, im Verkaufsraum bietet Maria Ramakers von allem, was zum Alltagsbedarf gehört, etwas an: vom Mehl bis zum Gurkenglas, vom Duschgel bis zum Geschirrspülmittel, dazu eine kleine Auswahl an Obst und Gemüse und - aus Tradition des früheren Eier- und Geflügelhandels der Schwiegereltern - natürlich weiter Eier und Geflügel. "Es kommen viele ältere Leute", sagt Maria Ramakers, die auch jeden Freitag einen kleinen Lieferservice für Kunden betreibt. Kundin Marlene Hausmann ist froh: "Hier war ja zuletzt gar nichts mehr, aber das hier ist doch schon was für Leute wie mich, die nicht mehr ständig mit dem Auto fahren wollen oder können."

Der Bedarf auch in kleinen Orten wie Ophoven ist also durchaus da, Tante-Emma-Läden und Mini-Supermärkte, andernorts auch schon als Bürgergenossenschaft betrieben, erleben offenbar eine Wiederauferstehung.

Das freut auch die Runde engagierter Ophovener um Ortsvorsteher Dirk Schulze und den Vorsitzenden des Dorfverschönerungsvereins (DVV), Marko Göbels, die sich zum Gespräch mit uns getroffen haben. Beide sind wie DVV-Schriftführer Wilfried Ritterbecks, Jochen Caron oder Sandra Schulze auch in anderen Vereinen des Ortes aktiv. Sie stehen wie Dirk Schulze dem Fußballverein vor, spielen im Trommlerkorps, singen im Kirchenchor, sind bei der Feuerwehr oder Schützenbruderschaft Mitglied. Und alle unterstützen sie auch die Kinderkrebshilfe (IG Ophoven) um Wiljo Caron, die Aushängeschild des Ortes ist. Und wenn die Infrastruktur auch klein ist - es keine Kneipe mehr gibt, das Hotel-Restaurant Zur Mühle nach kurzzeitigem Wiederaufleben erneut (mit Ausnahme von ein paar Fremdenzimmern) leersteht - die Gemeinschaft ist in Ophoven noch intakt. Das spürt auch Sercan Tas, der immerhin die nach einem Brand ebenfalls lange leerstehende Grillstube "Op de Höv" gegenüber der Wallfahrtskirche vor drei Monaten geöffnet hat.

Er und Mutter Zöhre lebten und arbeiteten vorher in Hagen. Kein Vergleich sagen sie. "Hier ist es schön und ruhig, nette Leute." Sie fühlten sich rundum wohl. Und Kunde Michael (28) erzählt, dass er vor acht Jahren aus dem Selfkant nach Ophoven gezogen ist und sich "vom ersten Tag an hier gut aufgenommen fühlte". Heute habe Sercans Döner-Imbiss im früheren Ladenlokal von IG Ophoven-Gründer Wiljo Caron gleichsam die Funktion des Dorftreffs mangels Vereinskneipe übernommen, vor allem die SV-Fußballer seien Stammgäste.

Unter der Oberfläche des stillen Wohnortes bewegt also sich einiges. Von den Aktivitäten des DVV wurde bereits mehrfach berichtet, dem Einsatz des 130 Mitglieder zählenden Vereins sind der renaturierte Mühlenweiher mit Streuobstwiese, schön gestaltete Beete und zuletzt die Plastik der Waschfrau an der früheren Bleiche, der "Bleek", im Ortskern zu verdanken, aber auch die Begrüßungssteine mit dem Ortswappen an den Ortseingängen. Jeden ersten Samstag im Monat spuckt eine Gruppe von rund zehn Aktiven in die Hände, kümmert sich um die Grüngestaltung Ophovens, aber auch um die Gemeinschaft etwa beim Mittsommernachtsfest.

Sandra Schulze, die aus Karken stammt, hat den Umzug "der Liebe wegen" 2001 nach Ophoven nicht bereut: "Klar, in Karken gab es alles, in Ophoven nichts, das überlegt man sich anfangs dreimal. Aber als ich dann hier mit dem Kinderwagen unterwegs war, wurde ich so schnell von anderen Familien einbezogen und spürte, dass man hier schnell Anschluss findet."

Wer will und offen dafür sei, kann sich als Neubürger (für die es auch Info-Blätter gibt) integrieren, sagt ihr Mann, der gebürtige Myhler Dirk Schulze, der selbst durch Ophovener Arbeitskollegen und Vereinsaktive Verbindungen zum Dorf an der Rur knüpfte und später die Familie hier gründete. "Klar gibt es auch die, die gern auf dem ruhigen Land gebaut haben, aber für sich bleiben wollen - das muss man akzeptieren", sagt Sandra Schulze. Aber dann erfahren wir, dass es im "Neudorf" wie im "Oberdorf" auch eigene Nachbarschaften gibt: "Bläulinge" - nach dem Schmetterling namens Ameisenbläuling, den es hier gibt - nennen sich einige Neudorfler, weiß Wilfried Ritterbecks, der auch den "Kehrclub" erwähnt. Nein, keineswegs ein offizieller Verein, sondern die Agathastraßen-Gemeinschaft, die das Plattsprechen pflegt und sogar einen Straßen-Karnevalszug Marke Eigenbau auf die Beine stellt, wie Marko Göbels erzählt, der selbst natürlich mitmacht.

736 Einwohner, davon 130 unter 18 und 140 über 65 Jahren - damit habe Ophoven - dem Klischee der "sterbenden Dörfer" zum Trotz - einen ganz passablen Altersquerschnitt zu bieten, sagt Ortsvorsteher Schulze, der natürlich, wie alle anderen auch, die Zukunft des Ortes im Blick hat. Er freut sich daher über die Initiative aus der Wassenberger Politik, die Dorfgemeinschaften zu stärken und die Ortskerne umzugestalten und zu beleben - und dies mit Hilfe der Bewohner, die schon im kommenden Frühjahr in Ophoven zu einem ersten Treffen eingeladen werden, wie Schulze ankündigt. Ein Katalog von Ideen habe der Ortsring, die Gemeinschaft der Vereine, bereits erarbeitet. "Wir müssen etwa darüber nachdenken, wie der Bürgersaal aufgewertet werden kann oder was aus dem alten Schulgebäude werden kann." "Vielleicht ein Bürgertreff?", fragt Ritterbecks. Die Diskussion über die Zukunft Ophovens ist eröffnet.

Und wie sehen Ophovener Kinder ihre Zukunft? Franzi Caron (10) weiß ganz genau: "Ich will Bürgermeisterin werden", lacht dabei aber flunkernd. Immerhin möchte die Pferdefreundin den nahen Reiterhof nicht missen, auch nicht ihr Kaninchen und die Hühner und Kühe nebenan. In der Stadt leben? - Eher nicht, meint sie, und kann sich ganz gut eine Zukunft in Ophoven vorstellen. Alexander Göbels (12) ohnehin. Der Betty-Reis-Gesamtschüler, der schon beim DVV mit anpackt, nennt Treckerfahren, Spielen im Trommlerkorps, Messdieneraktivitäten und Treffen mit Freunden auf dem Spielplatz an der Alten Schule als Vorlieben - alles in Ophoven. Keine schlechten Aussichten für die Zukunft des Ortes.

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(RP)