Gedenken an Pogromnacht mit der Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg

Gedenkstunde in Wassenberg: Kein Gras über die Nazi-Gräueltaten wachsen lassen

„Pogromnacht? Nie wieder!“ Das fordern Schüler der Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg 80 Jahre nach Synagogenbrand.

Ein Viertel der Deutschen hängt „einer manifesten Ausländerfeindlichkeit“ an, 40 Prozent wären bereit, ein autoritäres Regime zu unterstützen – antisemitische Einstellungen sind leicht rückläufig. Die Universität Leipzig hat in dieser Woche eine Studie mit alarmierenden Daten vorgelegt. Wie man konsequent gegen Antisemitismus, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und „Rechts“ aufsteht, zeigte am Freitag die Wassenberger Zivilgesellschaft aus Betty-Reis-Gesamtschule, Stadtverwaltung, Heimatverein, Kommunalpolitik und Bürgern mit der Veranstaltung gegen die „Reichspogromnacht“ vom 9. November 1938 unter dem Motto „Lass kein Gras drüber wachsen! Pogromnacht? Nie wieder!“ Der Termin an der Stelle der vor genau 80 Jahren niedergebrannten Synagoge machte erneut den hohen Stellenwert der Erinnerung an die jüdische Vergangenheit der Stadt deutlich.

Allein 200 Kinder und Jugendliche sowie viele Lehrer der nach dem von den Nationalsozialisten ermordeten Wassenberger jüdischen Mädchen Betty Reis benannten Gesamtschule nahmen teil, brachten in Liedern, Reden und Statements zum Ausdruck, dass schon den Anfängen gewehrt werden muss. Die 8. Jahrgangsstufe war besonders engagiert, wie Lehrer Ludger Herrmann darlegte, rund 50 Schüler nahmen gestern in Wassenberg nicht teil – sie waren im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo Betty Reis zu Tode geschunden worden war. Die befreundete Geschwister-Scholl-Gesamtschule Solingen war unter dem gleichen Motto wie in Wassenberg ebenfalls in Bergen-Belsen dabei.

Heimatvereins-Vorsitzender Sepp Becker erinnerte daran, dass Juden bereits im Mittelalter hier lebten, in „normalen“ Berufen arbeiteten, aber immer schon Verfolgungen unterlegen waren. Juden seien Mitgründer des Heimatvereins gewesen, anerkannt, aber von örtlichen Nazis auch malträtiert worden, dennoch hätten Wassenberger ihnen unter Gefahr geholfen. Karl Lieck, 1931 geboren, zeigte auf, dass er mit seiner Klasse am 10. November zur brennenden Synagoge geführt wurde, die Lehrerin sei dazu wohl auch von den Nazis gezwungen worden, sie sei traurig gewesen. Er spüre noch heute den Geruch von Brand und Rauch, bekannte er bewegt der Zuhörerschaft. Dann seien die Schüler zum Rathaus geführt worden, wo Juden im Kellergefängnis saßen und bepöbelt wurden. Andere Lehrer mit Klassen hätten sich daran beteiligt.

  • Wassenberg : Oellers besucht Betty-Reis-Gesamtschule

Für die Betty-Reis-Schülerschaft warfen Pascal Krons und Alexander Winkens einen prägnanten Blick in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918, dem Ende des 1. Weltkriegs. Dem 10. November 1938 in Wassenberg, wo die SS die Synagoge zerstörte, Menschen taten- und wortlos zusahen, keinen Mut zur Gegenwehr fanden. Bis auf Max Graab, der die Nazis lautstark als Gräueltäter und „Gotteslästerer“ entlarvte. Betty Reis hielt sich zu der Zeit in Solingen auf, wurde dort verhaftet, misshandelt und vergewaltigt. Nach jahrelangem Martyrium starb sie 1944 im KZ Bergen Belsen.

Vize-Bürgermeister Frank Winkens betonte, Wassenberg sei die „Erinnerungskultur besonders wichtig“, entsprechend sei das Ehrenmal auf dem Synagogenplatz eingerichtet worden. Er hob heraus, die Schülerschaft habe die „Kernbotschaft“ des Tags und der Aktion herübergebracht, er danke ihnen und dem Heimatverein für die würdige Erinnerung an die Nazi-Verbrechen: „Seht nicht weg, tretet schon dem Rechtspopulismus entgegen!“ Die Schüler hoben ein Stück Rollrasen vom Boden – darunter ein Banner: „Lass kein Gras drüber wachsen! Pogromnacht? Nie wieder!“ Die Teilnehmer setzten zur Bekräftigung ihre Unterschriften darauf.

Mehr von RP ONLINE